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Man ist so lange nicht dort bis man dort ist.

Es gibt kein wahr und unwahr. Begründet im subjektiven Empfinden von Leidensdruck, Glück, Unglück und Freiheit sehen wir immer nur den Punkt, an dem wir gerade stehen. Ist man gesund und verhältnismäßig glücklich, sieht man, wie andere unzufrieden sind und möchte ihnen etwas abgeben von der Normalität und dem, von dem man selbst glaubt, dass es die bessere Wahl sei. Und auch die meisten unzufriedenen Menschen wollen eigentlich irgendwo glücklich sein. Jeder will das, und wer behauptet, es wäre nicht so, der lügt. Man kann das Wort Glück sicher noch differenzierter betrachten. Die einen wollen geliebt werden, die anderen frei sein, wieder andere wollen einfach nur sie selbst sein oder werden. Ich möchte das nicht genauer definieren, ich werde dieses Wort einfach verwenden in der Annahme, dass jeder versteht, was ich damit meine.

Was Menschen sich auf dem Weg dorthin antun, weil sie glauben, dass es zum Ziel führt, das ist uns allen allzu gut bekannt. Es steht aber auch eines fest: die Vorstellung davon, was Glück ist, ist kein Allgemeinwissen, sondern subjektiv. Und genauso fest steht, dass die wenigsten Menschen überhaupt jemals richtig glücklich sind. Viel mehr von uns befinden sich irgendwo zwischen Unzufriedenheit und Wunschdenken. Man weiß, was man möchte und man glaubt, wenn man es erreicht hat, dann wird es einem besser gehen. Aber wirklich wissen kann man es nicht. So sind alle Annahmen über das Glück oder Unglück Anderer doch immer nur eins: Mutmaßungen.

Deshalb können wir nicht sagen: wenn ich 5kg weniger wiege, wird es mir gut gehen. Vielleicht wird es uns besser gehen, vielleicht haben wir auch schon die Erfahrung gemacht, dass es uns besser ging, als wir “weiter unten” waren. Oder glauben, uns daran zu erinnern, dass es so gewesen sein muss, gemessen daran, wie unglücklich und wütend wir jetzt schon wieder sind. Und die andere Seite? Die “Gesunden”. Sie sind ihrerseits überzeugt davon, dass es besser ist, dort wo sie leben. In der Welt der erlaubten Snacks und kalorienhaltigen Getränke. Im Unbewusstsein der Lebendigkeit. Dem Esprit des Selberentscheidens. Gerade das, was der Essgestörte als Kontrolle empfindet, ist für sie Kontrollverlust, Unterordnung unter Zwänge und Ängste. Gerade das, was für uns Kontrollverlust ist, ist für sie Genuss und Freiheit. Aber Freiheit kann auch eine Last sein. Viel zu überfordert ist man mit der Auswahl an Möglichkeiten. In der essgestörten Welt sind die Dinge manchmal einfacher. Es gibt Regeln, Verbote und Konsequenzen. Wenn man nur perfekt genug lebt, wird man sich abends beruhigter aufs Kopfkissen legen können. Je weniger auf der Liste steht, desto besser ist man gewesen und desto weniger hat man versagt.

All das ist krank. Es ist krank und es ist in den Augen der wenigsten Menschen schön oder individuell. Es ist keine Freiheit, aber es ist frei gewählter Zwang. Zumindest muss man, wenn man als Essgestörter nach gesellschaftlicher Akzeptanz strebt, einmal öffentlich in diesen sauren Apfel beißen und die Gratwanderung wagen zwischen Krankheit und freiem Willen. Das macht die Magersucht so schwierig. Keiner kann genau sagen, wann die Krankheit anfängt und die Entscheidung aufhört, weil man nur noch getrieben ist von seinem eigenen gestörten Verhalten. Und nachweislich ist es ja so, dass ab einem gewissen Untergewicht das rationale Denken Löcher bekommt.

Da stehe ich nun und versuche zu erklären und zu verstehen, was die meisten Fachleute entweder stark vereinfachen oder gar nicht kapieren. Ja, Anorexie ist eine Krankheit. Aber Nein, Anorexie ist nicht nur eine Krankheit. Sonst wäre ich nicht hier. Ein großer Teil ist wohl auch – nicht nur weil man von Persönlichkeitsstörungen spricht, denn wenn man da anfängt, kann man alles aber auch alles als krank werten, was nicht ins Sozialbild passt – Teil der Persönlichkeit für viele Betroffene. Die Identifikation mit der Krankheit ist enorm. Und der Krankheitswert beginnt genau dort zu bröckeln, wo man sich dessen bewusst wird.

Ich rede hier allerdings eher über Langzeitessgestörte. Über Menschen, die mit ihrem Essproblem schon lange leben. Die dabei nicht unbedingt einen extremen BMI wie 12-14 halten. Ich kenne solche Frauen und ich weiß nicht, wie sie überleben. Ich weiß auch nicht, wie manche es schaffen, sich selbst zu belügen. Ich lebe anders. Ich weiß, wo ich bin und warum ich mir das “antue”. Für mich ist es eine Art von freier Entscheidung. Ich habe beide Seiten mehrfach gesehen. Ich habe sogar mal fast ein Jahr gesund gelebt. Habe mir alles gegönnt, was möglich war, feste Mahlzeiten gab es oder auch nicht, je nach Bedarf und Arbeitstag. Aber es hat mir einfach nichts gegeben. Es hat mir auch nichts genommen. Ich habe lediglich irgendwann festgestellt, dass ich mich in diesem Körper nicht mehr wohl fühle. Dass das nicht ich bin, sondern irgendetwas, das von Anderen besser akzeptiert wird. Für mich selbst ergab es keinen Sinn. Also ging ich langsam wieder über zu meinem alten Essverhalten. Ich habe keinen Teenage-Hungerwahn praktiziert, keinen Medikamentenabusus betrieben, nicht gekotzt und keinen Sport gemacht. Ich habe einfach so gegessen, wie ich das wollte und dabei ging es mir besser. Bis ich bei einem Gewicht war, mit dem ich mich wieder eher identifizieren konnte. Weil ich mich beweglich fühlte und frei. Weil ich in den Spiegel sehen und all die Merkmale erkennen konnte, die ich mit Zerbrechlichkeit verband. Das machte mir ein gutes Gefühl. Auch wenn es nicht gesund war und auch wenn ich nicht glücklich war. Aber ich war glücklicher.

So lebe ich vor mich hin. Nicht zufrieden. Nicht happy. Aber ich bin ich selbst und das ist nichts, wofür ich mich entschuldigen werde, nur weil es nicht der Norm entspricht. Anorexie ist kein Lebensstil. Aber Selbstbestimmung ist einer. Man kann keine scharfe Grenze ziehen, wenn man versuchen will zu verstehen, wo die Krankheit die Überhand gewinnt. Aber man kann sagen, dass manche Menschen es schaffen, mit ihr zu leben und dass dies ihre freie Entscheidung ist und nicht nur immer ihre mentale Benebelung durch irgendwelche Mangelerscheinungen, die nicht einmal vorhanden sein müssen. Zu sagen, es gebe nur das eine oder das andere, das wäre einfach zu trivial. Und bei Menschen haben wir selten Triviallösungen.

Immer noch nicht tot. Unverschämtheit.

Ich war lange nicht da. Ich habe sehr viele Kommentare in der Zwischenzeit bekommen und gerade freigeschaltet. Leider waren einige davon so extrem, dass ich sie nicht veröffentlichen kann. Teilweise waren sie auch einfach nur verletzend. Ich weiß nicht, ob ich hier weiter schreiben werde, wenn so viele Menschen gegen mich sind. Dazu ein paar Gedanken in gewohnt zynischer Manier. Das bin ich vielleicht denjenigen, die gerne hier lesen, noch schuldig.

Wie kann sie nur noch am Leben sein, nach so vielen Jahren Essstörung. Und dann auch noch wagen, darüber zu schreiben. Was für eine unmögliche Einstellung, nach Therapieversuchen der Anzahl im zweistelligen Bereich, verteilt über weit mehr als ein Jahrzehnt, die Lust verloren zu haben, sich diesem angeblich so farbenfrohen, leckeren Leben zu öffnen und den konventionellen Mainstreamgenuss eines wonnegeprägten herzallerliebsten Seins auf sich zukommen zu lassen? Wie nur, was für eine anmaßende Person.

Ich sollte in Anbetracht mancher Kommentare eigentlich dieses Blog umbenennen. Denn offenbar sehen einige Menschen in mir eine Gallionsfigur der Pro-Ana Bewegung. Ich bitte euch deshalb darum, über den neuen Titel abzustimmen. Gerne dürft ihr auch eigene Vorschläge machen. Hier ein paar Ideen:

  1. Fressen und Hungern – aus dem Leben einer Geisteskranken
  2. Starving for Destruction – wie man langfristig sein Leben runiert und trotzdem noch Kiddies damit beeindruckt
  3. Ana – slow suicide und Spaß dabei
  4. Universaler Hunger – Tagebuch der Selbstzerstörung
  5. Bis einer weint – Essen und Nichtessen für Fortgeschrittene
  6. Der Hunger der Satten – Appetit und andere Unmöglichkeiten
  7. Bloggen statt Essen – Ein Hungertagebuch.

Wenn ihr also auch findet, dass dieses Blog in keiner Weise eine krititsche Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung und dem Thema Essstörungen in unserer Gesellschaft versucht, dann setzt diese Reihe fort. Wenn ihr findet, dass ich hier nichts anderes tue, als meine Erkrankung hochzustilisieren zu etwas, das sie nicht ist: perfekt und schön. Dagegen kann ich nichts tun. Ich habe dieses Blog gestartet mit dem Wunsch, unzensiert und offen über ein Thema zu schreiben, von dem die Leute entweder keine Ahnung haben und deshalb Angst davor, oder zu dem es schier unendlich viel Vorurteile gibt. Wie etwa das Vorurteil der möglichen Heilung. Jeder kann gesund werden, wenn er nur will. Und natürlich hat er gefälligst zu wollen, denn sonst begeht er Verrat an der Gesellschaft, den abendländischen Werden des Normalverbrauchers, seiner Familie und sämtlichen ungeborenen Kindern, die aus den im Tiefschlaf befindlichen Eierstöcken wohl nie entspringen werden.
Ja, ich habe das versucht. Ich hab versucht, klar zu machen, dass hinter einer Essstörung auch immer eine Person steckt. Eine Person mit einem Willen. Und dass dieser nicht normkonform nach Heilung rufen muss. Dass man vielleicht gar nicht um Hilfe ruft. Oder vielleicht auf einer komplett anderen Ebene. Einer Ebene, die nichts mit Zunehmen zu tun hat. Weil das vielleicht nicht das einzig Wahre ist, das was einem hilft, einem die Augen öffnet und na klar, erst dann könnte man wieder klar denken und sehen, wie dumm und falsch man gehandelt hat. Vielleicht möchte man eine ganz andere Form von Hilfe. Und vielleicht schreibe ich hier auch deshalb, weil ich es schön finde zu lesen, dass es nicht nur Intoleranz und (Vor)Urteile auf der Welt gibt, sondern auch ein paar wenige Menschen, die ähnliches erlebt haben wie ich. Die immer noch leben, es irendwie schaffen und die es sich komischerweise nicht als Lebensziel gesetzt haben, Pro-Ana-Anhänger zu werben und arme kleine Mädchen mit sich in den Tod zu ziehen. Denn vielleicht ist das auch einfach mal gar nicht das Thema. Es geht nicht immer nur um den worst case, ums Sterben und die Angst davor. Auf meinem Blog geht es um das Leben. Um das Auskommen mit sich selbst und den Alltag, der anders ist als der eines Menschen, der nicht übers Essen nachdenken muss. Ich verstehe. Ich verstehe ja schon. Das ist sehr verwerflich.

Hungern, bis der Schmerz nachlässt.

Was es bringt, sich selbst zu schaden? Ja, das fragen sie sich. Sie geben ihm Namen oder verwenden hässliche Metaphern, die Menschen da draußen. Wie “Selbstmord auf Raten” – dabei hat fast keine Anorektikerin wirklich den Tod durch Verhungern als Ziel. Das ist sozusagen ein zufällig irreversibel blöder Nebeneffekt. Tja. Man weiß ja was man tut. Zumindest denke ich das. Ich glaube, dass die wenigsten Magersüchtigen nicht wissen, was sie sich antun. Irgendwann ist einfach der Punkt erreicht, an dem man das eigene Verhalten nicht mehr abspalten kann. Es nicht mehr hinstellen kann, als sei es nur eine Reaktion auf irgendetwas anderes, wofür man eigentlich nichts kann.

Auch ich weiß das. Ich lebe nicht in einer Scheinwelt. Meine Welt ist sehr real. Sie beinhaltet jede Menge reale Dinge, wie Selbstkasteiung, Leistungsdrang und krankhaften Perfektionismus. Ob mich das glücklich macht? Natürlich nicht. Aber wie viele glückliche Menschen kennen Sie denn? Glauben Sie, das will ich – mit einem hübschen, gutverdienenden Spießermann in einem Spießerhaus und einem Hund leben. Das Kind, welches – oh Wunder – doch noch meinen gepeinigten Ovarien entspringt, spielt mit dem Schnauzi hinter einem kniehohen Zäunchen. Ja. Nein. Dann bin ich lieber die arme Irre. Irgendwie scheint es nämlich nichts dazwischen zu geben. Nicht für Menschen wie mich. Das Leben birgt kein “fair”, keine Kompromisse, mit denen man leben kann. Und Menschen wie ich wollen auch keine Kompromiss. Was dann? Nun ja, eigentlich ist das nicht so ganz klar, außer dass kein Zäunchen und Familienhund drin vorkommen darf, denn die würden es nur schlimmer machen. Aber es muss ein bisschen von dem in sich haben, was auch in mir ist: Irrsin und Extrem.

Alles nicht weiter verwerflich, finde ich. Nur versuchen mir das tagtäglich werweißwie qualifizierte Menschen einzureden. Das nennen sie dann auch noch ohne zu fragen “Helfen”. Dabei habe ich gar nicht drum gebeten. Sie kommen einfach an und schlagen einem gute Räte. Sie kommen und reden und wissen alles besser. z.B. dass man sich doch mal etwas Gutes tun muss. Aha. Gutes. Ich soll mich also in meine Dusche setzen und dort ein Fußbad machen. Sehr gemütlich. Da sitze ich dann und zünde mir eine Kerze an und freue mich, dass ich ein Bad mit Fenster habe. Das haben viele Menschen nicht, jawohl. Die kleinen Dinge. Das muss man sich sagen, da kann man sich freuen. Hurra!

Und wenn sie einem nicht sagen, man solle doch mal ein Fußbad machen, dann kommen sie an und erklären einem, wie alles besser werden würde, wenn man nur essen täte. Immer dann, wenn man gerade ganz andere Probleme hat. Die interessieren aber nicht. Die Guten, sie sehen immer nur, dass man dünn ist. Ein armes kleines dünnes Ding. Selbst mit Ende zwanzig muss man sich diesen Blich noch angucken, der dir sagt, dass du ihnen leid tust. Wofür? Ich will ihnen nicht leid tun, ich will ihnen viel lieber eine scheuern. Aber das würde ich nicht, denn ich bin kein armes kleines Ding. Bin ein großes Mädchen. Da führt man sich nicht mehr so auf. Da hört man sich alles geduldig an und sagt sich “Schweigen ist Gold.” – wahlweise “Lalalala.” Ich höre im Kopf bei sowas immer ein Klavierstück, das beruhigt ungemein.

Einfach nur essen. Glauben die wirklich, dass dann IRGENDWAS besser wird? Ich würde ja lachen, wenn es nicht so abgrundtief dumm wäre. Aber das Essen ist nicht das Problem. Das ist ein Symptom. Vielleicht ist das etwas, was die “Essis by choice” nicht hören wollen. Aber seien wir doch mal ehrlich. Jeder Psychomist ist für irgendwas der Katalysator und selbst wenn man sich seinen Kat selbst ausgesucht hat, dann ist das immer noch krank und gar nicht wer weiß wie toll und “pro ana” oder was auch immer. Es ist eben so und jetzt kann man sehen, wie man damit lebt oder auch nicht. Ich für meinen Teil mag meine ES und ich hasse sie auch. Wir sind ein störrisches Paar, wir schmeißen auch mal mit hässlichen Dingen nacheinander. Oder finden uns zum Kotzen. Nicht schön, aber wenigstens ehrlich.

Arbeiten, leben, denken – mit oder trotz Essstörung?

So viele Kommentare! Ich möchte mich erst einmal bedanken. Auch wenn ich nicht auf jeden antworte(n kann oder es mir z.T. seltsam vorkommt, so viel selber zu kommentieren und ich dann lieber einzelne Themen aufgreife und einen neuen Artikel draus mache), lese ich doch immer alle :)

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Wie ihr vielleicht meinen klagenden Jammerposts (und meinen intellektuellen Lesern ist auch bewusst, dass dies eine deplazierte Tautologie war…) entnommen habt, habe ich in den letzten Wochen einen kurzen Abstecher in die höheren Gewichtsbereiche meiner Varianzzone gemacht, um nicht zu sagen: gefressen und zugenommen. Dies hat nun ein Ende. Back on the road again.

Dabei kommen sie ja immer mal wieder auf, die Gedanken an “Was wäre wenn?” – was wäre, wenn man einfach normal essen würde. Eigentlich schade, dass es nicht funktioniert, wo ich zu dem Schluss komme, dass Essstörungen vielleicht doch mehr als psychische Krankheiten sind. Sie sind viel mehr genetisch, neurologisch oder eine Weltanschaung die auf genetischen, neurologischen oder sozialen Abberationen beruht. Sowas ist schwer rauszukriegen. Ist natürlich nur eine These, aber ich halte daran fest, bis jemand die Ursache gefunden hat. Jedenfalls führt einen diese Andersartigkeit immer wieder zurück zu den gleichen Ansichten. Man will eigentlich gar nicht zunehmen, man will nicht gesund sein, ins Schema passen, gefallen. Vielleicht ist man es über die Jahre leid geworden, für alle nur das Sorgenkind zu sein. Keiner sieht den Menschen darunter und die wirklichen Probleme. Man ist für alle nur noch “Essen”. Das an sich ist eigentlich verabescheungswürdig und hat mich oft motiviert, die ES zu verbergen, oder zu versuchen, von ihr loszukommen. Ich wollte kein Essipüppchen sein, denn das wird auch immer ein bisschen mit Charakterlosigkeit und Schwäche assoziiert. Besonders “intelligente” Therapeuten (eigentlich muss das auch noch in ” “) setzen diese Dinge auch gern gleich. Es ist, als würde man ein Kopftuch tragen und alle sehen nur noch das Tuch und assoziieren frei irgendwelche Eigenschaften, die man wohl als Kopftuchträger haben muss. Diese bekommt man angeheftet und wird sie nie wieder los. Die ES ist ein gigantisches Kopftuch. Ablegen mag ich sie dennoch nicht. Ich weiß, der Vergleich hinkt. Kopftücher, Kruzifixe, sonstewas… es könnte mir kaum gleichgültiger sein. Wenn ich was besseres finde, nehm ich das, aber die Analogie des Ablegens hat mir so gut gefallen.

So läuft man dann also durch die Welt. Von allen Seiten Druck und Panikmache. Man kann dies, das und jenes niemals mit ES schaffen. Man wird nie bla bla. Was wahr ist: mit einem gewissen Gewicht wird man wohl eher im Krankenhaus landen als auf einer Doktorandenstelle, andererseits: ich kann kaum diese Wohnung verlassen, wenn ich weiß, dass ich “dick” bin. Ich will nicht gesehen werden, nicht sprechen, nichts tun, ich möchte einfach versteckt bleiben, weil ich das Gefühl habe, jeder sieht meine Fettheit (die sich um einen 18er BMI herum beläuft, ab 18 ist für mich die Grenze des Erträglichen überschritten, eigentlich schon eher, aber ich erspare euch die Details, das ist und bleibt kein rosa-Blümchen-Blog). Alles ist ungemein anstrengend, auf eine andere Weise als mit Untergewicht, aber es ist lähmend. Nichts ist möglich. Bei allem muss man nur denken “Scheiße, ich bin fett.” Unzufriedenheit macht antriebslos. Das kann Monate dauern. Irgendwann, hopefully, findet man zurück zum “Normalen”. Zum Hungern, zum Durchhalten, zu dem, was man eigentlich ist: ein Hungerkünstler.

Wenn man das geschafft hat, kommen nun die Zweifel von der anderen Seite. Irgendwann wird die Frage nach den engen Hosen obsolet, weil sie einfach nicht mehr eng sind.  Jeder logisch denkende Mensch wird das irgendwo in einem stillen Hinterstübchen seines Hirns akzeptieren. Zudem weiß man als Langzeithungerloser auch, dass man eine ES hat und muss sie nicht mehr künstlich vor sich selbst verleugnen. Man hat eine gewisse Körperschemastörung. Sie treibt einen noch in den Wahnsinn, wenn man schon kaum noch laufen kann. Aber irgendwo deep down weiß man, dass man nicht mehr fett ist. Die Frage nach dem Wohlbefinden, Antrieb, Rausgehen wird also verdrängt durch simple Überlebensstrategien. Kann man diesen Weg zu Fuß schaffen? Kann man heute raus gehen, ohne sich zu erkälten, weil das Blutbild so schlecht ist? Kann man ohne Jacke gehen? Soll man diese Treppe  nehmen, oder ist es mit dem Blutdruck unvereinbar?

Das alles nimmt einen vollkommen ein. Ein Tagesgeschäft. Man lebt davon, damit und an sich selbst vorbei. Man lebt eigentlich nicht mehr richtig. Wir reden hier übrigens von der Region BMI 14. Eine karge Landschaft.

Das Dumme ist: wenn man in dieser Wüste angekommen ist, hilft nur noch eins: Essen. Und man weiß das. Und es quält und ärgert einen ohnegleichen. Jetzt findet man entweder noch schnell sein Hirn oder man verliert. Ergo ein Gang in die Klinik und du wirst sie nicht mehr verlassen, bis zu einen 19er BMI hast, ganz egal ob er dir steht oder nicht. Oder: du reißt dich zusammen und tust das Unvermeidliche: täglich etwas mehr.

Problem ist nämlich: 14er BMI und Arbeit, Studium, Leben, Denken… ist nicht vereinbar. Ist es nicht. Erzählt, was ihr woll. Been there, done that. Es ist Unsinn. Vielleicht kann man das als 16jähriges Schulkind eine Weile durchziehen. Aber nicht als Mittzwanziger mit über 10-jähriger ES-Karriere. Kommt noch Kotzen dazu, kann man es bereits bei viel höheren Werten vergessen. Ohnehin: individuell wie immer. Ab wann man sich “richtig scheiße” fühlt, total unterschiedlich. Und wenn es anfängt, muss man aufhören oder untergehen. Sonst kommt irgendwann der Tag, wo man eine 4 schreibt, weil man zu müde und kaputt ist, oder man kommt zu spät oder man kippt auf der Arbeit um und gibt allen dummen Blicken und Kommentaren, die man je erhalten hat, die provozierte Bestätigung. Das kann es auch nicht sein.

Warum ich das schreibe? Ich bin kein Moralapostel und ich halte weniger als nichts von dem Bild, was die meisten Menschen von Gesundheit haben. Aber ich habe mich selbst oft gefragt, wie weit man gehen kann. Und es ist nicht so weit. Irgendwann kommt immer dieser Riegel. Man versagt irgendwo und hätte man es vorher nicht dermaßen übertrieben, wäre es vielleicht nie passiert. Aber man wird es nie rausfinden. Deshalb sage ich das. Wenn ich ehrlich bin, bin ich keinen Deut besser. Ich habe in 10 Jahren nichts gelernt und hungere noch wie am ersten Tag. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht ein schlechtes Gewissen habe und trotzdem will ich nicht, dass es anders wird. Es ist da, es ist okay, es geht irgendwie. Aber diesen ganzen Seiltanzkram, bei dem es drauf ankommt,  nicht runter zu fallen, den empfinde ich jeden Morgen wieder als Herausforderung der unangenehmen Art.

Weiter, immer weiter … (Böse ist besser.)

Rad dreht sich. Aufpassen soll man, dass man nicht drunter kommt. Mühlen der Bildung und des Soziallebens. Uni, Menschen, Straße, Mensa, Uni, Schreibtisch. Fressen, Hungern, Fressen. Last but not least: weiter fressen. Ein bisschen öde, nicht? Wüsste auch nicht, dass Ruin und halbherzige Absättigung jemals unterhaltsam gewesen wäre…

Ich frage mich, wie normale Menschen aus diesem ganzen Kram etwas Genussvolles machen. Wie kann Essen genussvoll sein, wenn man es jeden Tag hat? Das ist unlogisch. Zwangsläufig müssen mehrere Mahlzeiten des Tages zu öden Riten verkommen und andere dafür wiederum aufgewertet werden. Diese werden dann zelebriert, die Frage ist nur, was an ein paar chemischen Reaktionen so spannend ist, dass man seinen Tagesablauf danach ausrichtet und es gleich kategorisch verpönt werden muss, wenn man das Essen verweigert und missbilligt. Ich wette, es gibt mehr Koch- als Fickbücher (was ja auch nicht verwunderlich ist, denn Essen ist für Menschen eine aktuellere Lebensnotwendigkeit als sexuelle Befriedigung). Da bekommt Food Porn einen lustigen neuen Klang, nicht? (Btw: Ich gehe davon aus, dass alle wissen, was Food Porn ist … Falls nicht: Fressgelüste hervorrufende Fotos von Leckereien angaffen).

Wo war ich?

Ach ja. Leute essen Essen und finden es toll. Sie geben ihm individuelle Namen und importieren neue Zubereitungstechniken, um sich dann für 10 Minuten vollen Mundes gut zu fühlen. Ich habe das einmal beobachtet. Während ich 2 Stunden mit einem Muffin und einem Kaffee ohne Milch zufrieden da sitzen und eine Zeitung lesen kann (also schon mal 2 Stunden in einen Café verbringe, statt nach finanziell unrechtfertigbaren 10 min schon durch zu sein und den Ort der Dienstleistung, Wärme und sitzbeinfreundlichen Möbel vollkommen sinnloser Weise viel zu früh wieder zu verlassen), beendet der Standard-User seine Mahlzeit und seinen Kaffee innerhalb von weniger als einer halben Stunde. Dann geht er und vermisst rein gar nichts.

Das ist es, echt, das?!

Nee, nee, Leute. Das ist es nicht.
Ich sage euch mal was es ist.

Das ist es:

Ankommen im Café. Zigarette rauchen. Die Kellnerin wegschicken, weil man sich noch  nichts überlegt hat (alles zu fett), Essen streichen, Kaffeekarte angucken, Kaffee bestellen wollen, dann doch nicht, da man sich noch nicht komplett gegen das Essen entschieden hat und Kaffee und Essen unbedingt zusammen eingenommen werden müssen, weil sonst der Kaffee vor dem Essen kalt wäre und das wäre Frevel. Essen anschauen. Die Kellnerin kommen sehen, in Panik geraten und entweder das bestschmeckendste kleinste Essen oder das kalorienärmste bestellen (was aber meistens nicht schmeckt). Dazu Kaffee natürlich. In der Wartezeit noch eine rauchen. Eine Zeitung holen. Der Muffin ohne Schokolade kommt (ich würde nie einen Muffin irgendwo bestellen, Muffins sind Take-away-food, also stellt euch irgendein kleines Stück Essen vor, was schmeckt und nicht allzu fett ist, es wird ja ohnehin die einzige Mahlzeit des Tages sein, also was soll’s). Das Essen wird nach striktem Schema gegessen (beim Muffin erst die Unterseite essen, dann das Innere, dann die verbliebene Kruste). Ein zweiter Kaffee wird geordert. Das Ganze wird regelmäßig unterbrochen durch Blicke aufs Handy, in die Zeitung oder den Laptop mit der neuesten wissenschaftlichen Scheiße, die man sich als psychisch alterierter Uni-Sklave so reinziehen darf, wenn man schon die Zeit (?) zum Kaffeetrinken hat. Die soziale = unangenehme Interaktion des Zahlens wird noch ein bisschen heraus gezögert, während man sich in seiner natürlich stillen Ecke auf das Streiflicht (einen von mir goutierten Teil der SZ) konzentriert.

Ich behaupte, diese eine Mahlzeit (als Insel der Zeit zwischen Hektik, Alltag und chronischer Ermüdung durch Hunger) schmeckt mir besser, als dem Sakko-Bonzen in der überteuerten Lounge sein dekadentes Frühstück je schmecken wird.

Nicht dass ich idiotisches Essverhalten gutheiße (nein, gar nicht), nun ja… Ich finde einfach, dass dieser ganze Pampf überbewertet wird. Es sind nur lächerliche Nahrungsmittel und wenn man sie zelebrieren will, soll man das doch tun. Aber zu behaupten, dass gutes Essen so und nur so abläuft, ist arrogant. Vmtl. gibt es eine ganze Menge Essgestörte, die das Essen als reine Qual empfinden, aber d.h. nicht, dass sie den Geschmackssinn verloren haben. Ich meinerseits habe den Sinn für die Freude daran verloren. Es ist einfach eine kindliche Freude. Es ist die gleiche Freude wie über die frisch gekackte Wurst. Toll. Ich bin nicht mehr drei. Ein Brot bedeutet was, wenn ich es will und das ist nach 3 Tagen ohne Brot – und nicht nach “Morgens Sandwich, mittags Brötchen, abends Brot – Brot Brot Brot” gähn…

Diese Essenspropaganda ist geradezu diskriminierend! Sie verlangen, dass es uns schmeckt – und zwar FÜNF MAL AM TAG!! Fünf! This is insane! Nicht wir sind krank. Ihr seid krank. Was sollen wir nun tun – täglich brav essen, regelmäßige Nahrungszufuhr. Wie gesagt. Eine niedere Funktion, ganz wie oben beschrieben. Soll es das nicht sein, wäre es ja etwas Besseres, nämlich eine Art Genuss. Genuss und Regelmäßigkeit widersprechen sich, wobei wir oben wieder angekommen wären. Hahaha.

Ich fordere: Schluss mit antianorektischer Fresspropaganda!
Wir wollen suppenkaspern, wann wir wollen, wo wir wollen und solange wir wollen ;)

Okay… genug Satire für heute. Ich bin verdammt müde.
Übrigens liegt das nicht an meinem Essverhalten (oh yeah … und jetzt her mit den Kommentaren von den radikalen Gesundheitsaposteln, die den Witz nicht verstanden haben, los, macht euch zum Ei, ich will auch mal lachen, wo ich doch sonst 24-7 dank ES nur leide und leide und *g*. Und ja… ich habe in Erwägung gezogen, diese Schmähschrift mit LMAA zu taggen, ich gebe es zu…

Eure Me.

Die Top 10 der (z.T.) dümmsten Suchanfragen im August

Die 10 Knüller des August
Die schönsten Suchanfragen hab ich für euch aufgehoben.

1. subkultur blog - das hat auf mein Blog geführt? Wow! Ich fühl mich geehrt. Jaja, ich zettele hier böse Verschwörungen an. Die Insider wissen es und wenn du dich jetzt fragst, welche Verschwörungen das sind, dann kann es nur daran liegen, dass du eben keiner bist ;-)

2. thinspiration – mit diesem Tag fange ich immer wieder neue Leser *g* Eine miese Falle.

3. göttin ana bmi - wtf?! Ich kenn nur den Nassrasierer “Venus Vibrance – entecke die Göttin in dir”. Durch Ana ist das wohl mehr “Entdecke die Knochen in dir”. Aber denkt immer dran: ein zweistelliger BMI ist fett. Nur echte Hungersklavinnen können – im wahrsten Sinne des Wortes – in der Hierarchie aufsteigen (nämlich nach ganz oben zu den Wolken und Englein).

4. zunehmen ist mein leben - mein’s nicht.

5. pro ana models kg - was bringt es dir, wenn du weißt, was die Hohlpuppen wiegen? Oder nein, stand KG nicht für Konsumgenossenschaft?  Macht euch schlau!

6. fatspiration - oh ja, siehe hier!

7. teeny bauchfrei - ??? Bauch- und hirnfrei*, heute im Sonderangebot! Teenie schreibt sich mit ie, du Depp. Kauf dir nen Duden.

8. nehme schon von 300 kcal zu magersucht - schon mal drüber nachgedacht, dass du vielleicht dünn genug bist?

9. war das ein fressanfall? - wenn du auf dem Boden liegst wie ein Käfer und nicht mehr auf dei Beine kommst, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß. Andererseits: 10.000 kcal sind kein FA, sondern ein Bauarbeiter-Buffet. Du solltest in Erwägung ziehen, dein Geld von dir fern zu halten.

10. “magersüchtig und geil” - my favourite! Bistu magersüchtig, bistu gar nisch geil, Alda!
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* Der Ausspruch “bauch- und hirnfrei” stammt meines Wissens von Michael Mittermeier und bezog sich auf eine schwarz gelockte Moderatorin eines bekannten Musiksenders…. ;-)

Lieber dünn und unzufrieden als dick und auch nicht glücklich.

Nie zufrieden werde ich immer sein. Nie zufrieden ist quasi mein Lebensmotto. Wenn man zufrieden ist, dann kann man ins Grab gehen. Da gibt es dann Ruhe. Und bis es soweit ist hetzen wir durchs Leben. Andere hetzen dem perfekten Job nach, sozialer Anerkennung, Liebe oder tollen Klamotten. Was ist so schlimm am Gewicht? Als böser therapieunwilliger Verweigerer werde ich mein Seelenheil wohl nie finden, aber je länger ich den goldenen Käfig betrachte, desto gleichgültiger wird eben mein Blick.

Wozu denn? Für wen? Für was? Was wird besser? Genau, nüscht! So bin ich wenigstens dünn. Wenn ich auch noch normalospeckig wäre, hätte ich erst recht nix von der langweiligen Alltagsrennerei. Nee, nee, da lobe ich mir doch mein Reich des Kontrollwahns. Da kann ich machen, was ich will. Spare eine Menge Zeit, die Andere auf Kochen verwenden. Ich habe weder Esstisch noch Herd. Das ist auch eine Freiheit. Aber wie kann mir vermessenem Wesen die nur mehr wert sein als die Freiheit, den Fraß zu wählen? Wehe dem Kostverächter, was? Na danke. Ehrlich gesagt, ich bin ja einer dieser FA-erleidenden Personen, immer wenn ich irgendwas von diesem Konsumfraß oder auch Nobelfraß in mich hineingestopft habe, selbst wenn es geschmeckt hat, danach denke ich jedes mal: Das kannte ich doch alles schon. Und es ist immer wieder das gleiche. Das gleiche langweilige Essen. Der gleiche langweilige Vorgang. Danach: Völlegefühl. Wie man das haben wollen kann, ist mir ein Rätsel. Hunger fühlt sich viel besser an. Und mir ist bewusst, dass dies wohl den meisten anderen Leuten ein ziemliches Buch mit sieben Siegeln ist… aber nun ja. Such is life. Ich muss nicht alle verstehen und alle auch nicht mich.

Also mach ich weiter. Einsamer aber dafür selbstbestimmter Weg. Geradeaus. Schnell, ernst, manchmal mit Scheuklappen und iPod. Monotonie mit Abwechslung. Zumindest musikalisch. Essen ist ja egal. Lieber soll es eine Nebensache sein als eine permanente Beschäftigung (und fragt mich jetzt bloß nicht, warum ich dann dieses Blog schreibe…).