hungry blog – Leben, Alltag und Essstörung aus dem Blickwinkel einer Betroffenen

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Neues Unwort: „Weborexics“

Mai 26, 2009 · 2 Kommentare

Sehr toll, gerade erst gefunden und schon verinnerlicht. Zweifels ohne soll es abfällig klingen. Einerseits sagt es: „Leute, die sich im Internet zum Hungern antreiben und das wahnsinnig cool finden.“ Dann vielleicht auch „Herumzeigen der eigenen Störung (im Internet)“ oder etwa „Gar nicht richtig krank sein, aber es auf jeden Fall werden wollen“ (leichte phonetische Ähnlichkeit von „Wannarexic“ und „Webarexic“ dürfte auffallen).

Gefunden habe ich den Begriff in diesem Artikel.

(falls diese Quelle aus dem Netz verschwinden sollte, können Interessierte eine Mail an mich schreiben, das Objekt befindet sich in kopierter Form auf einem meiner Datenträger…)

Fängt schon mal gut an: „Pro-Ana’s are young women who proclaim themselves to be proudly anorexic, and they have created a vibrant community online.“

Der Artikel will…. „[...] discuss the ethical issues surrounding the sites, wherein many have been censured or shut down by commercial website hosting sites, which has raised issues of censorship versus freedom of speech.“
Der letzte Teilsatz ist interessant …

Zur Information: Auszug aus Artikel 5 des Grundgesetzes der BRD

„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Nachzulesen z.B. hier: dejure.org

Und für Wissbegierige: Ein Land, in dem sich vmtl. keiner Sorgen um die Zensur von Pro Ana Seiten macht… der Iran

Nun aber zurück zum eigentlichen Thema, diesem Text und den Weborexics, die darin vorkommen… Nach und nach wird hier ausführlich erklärt, zu was die Pro Anas fähig sind. Nicht nur, dass sie Foren betreiben, nein, sie besitzen auch Homepages (im Übrigen existiert keine der als Quellen in dem Artikel verlinkten Seiten heute noch) – dort zeigen sie böse Dinge, wie ihre Ansicht über ihre eigenen Krankheiten, die sie als Lifestyle deklarieren. Sie tauschen sich über Chatrooms aus (typisch für solche Seiten, hm!) und führen Links zu anderen bösen Seiten (in many instances, to other Pro-Ana and ED support sites, but in some cases to recovery and health sites).“ - Moment, das ist jetzt aber seltsam! Warum tun die das denn, wenn sie doch in Wirklichkeit die Versklavung der Menschheit unter einer Göttin namens Anorexia fordern? Warum sollten sie nicht-therapiefeindliche Seiten verlinken, wo doch alle Weborexics gemeine, hinterhältige Klinikverweigerer sind, die nichts lieber tun, als vor dem Computer ihrer Anorexie zu fröhnen?

Da gibt es nun zwei Möglichkeiten.

  1. Es ist ähnlich wie in Deutschland, man verlinkt die „Recovery“ Seiten (wie BzgA, hungrig-online,…) für Leute, die keine Essstörung haben. Diese sollen sich nicht im Forum anmelden, weil man nicht will, dass sie dort tiefer in eine Krankheit hineingeraten, die vielleicht noch in der Entwicklung ist und aufgehalten werden kann …
  2. Die Leute benutzen diese Links als Alibi und täuschen Punkt 1 nur vor.

Ich kann nicht beurteilen, wie die Auffassung von „Pro Ana“ oder „With Ana“ in den Vereinigten Staaten ist. Ich bezweifle, dass sie besonders einheitlich sein wird. In Deutschland verhält es sich meiner Erfahrung nach jedenfalls so, dass die meisten Seiten, auch wenn sie unter der Headline „Pro Ana“ irgendwo auftauchen, eher gemäßigte Ansichten vertreten. Todesverherrlichung, „Ana Stuff“ wie „Anas Brief“ und gegenseitiges mutwilliges Triggern sind eher unerwünscht. Dennoch ist „Pro Ana“ der Zugang zu diesen Seiten. Nicht aber, weil die entsprechenden Seiten tatsächlich das sind, was die Medien und solche Artikel unter dem Begriff verstehen, sondern weil das Wort „Pro Ana“ ein Gegenstatement zu „Lass dich bitte in die 10. Klinik einweisen und wieder ohne jeden positiven Effekt  behandeln – so kann man ja schließlich nicht leben!“ ist. Seiten, die einen Raum für Menschen mit Essstörungen bieten wollen, in dem tatsächlich nicht zensiert wird (Selbstzensur ist übrigens legal) werden über dieses Schlagwort gefunden, daran gibt es keinen Zweifel. Deshalb sind sie jedoch keine Hirnwaschanlagen für junge Mädchen. Sie bieten lediglich einen anderen Weg, mit sich selbst umzugehen. Das nennt sich dann Vielfalt. Ein Attribut der Meinungsfreiheit.

In jedem Fall, die Prämisse kann hier nur eine sein:

Read between the lines.

Was können wir also tun, um der Welt zu zeigen, dass wir keine Weborexics sind? Dass wir keine Menschen sind, die anderen schaden wollen, sondern dass wir Gemeinschaften bilden, um über unsere Probleme zu reden und und gegenseitig zu helfen? Vermutlich bedürfte es einer Art Initiative. Einer Art Statement, dass jeder in seine Website einbauen kann, und das auf eine Bekanntmachung verweist, die deutlich macht, dass es sich nicht um eine Tod-durch-Hungern-ist-cool-Seite handelt…

Soviel zu meinen Gedanken.

Kategorien: Kritisches · Presse
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Pro und Contra Ana

März 25, 2009 · Kommentar schreiben

In den Medien flackert die Diskussion um ominöse Hungerseiten ja immer wieder mal auf. Besprochen werden dabei u.a. der angebliche Kult um die Ana, die quasi das schlechte Gewissen einer jeden Anorektikerin darstellt und deren Verniedlichung im Web reihenweise 13-jährige Mädchen das Leben kostet. *hust* Wie dem auch sei. Ich selbst bin seit Jahren Mitglied in einem mehr oder weniger pro-eingestelltem Forum, war auch schon in anderen, manchmal radikaler, manchmal schon fast zensiert. Ich will versuchen, meine Erfahrungen in einer kurzen Liste zusammen zu fassen. Ich frage mich nämlich selbst (nein, wir sind nicht „alle“ blind vor Hunger…), was mir das Forenleben bringt, und wovon es mich vielleicht auch abhält. Eine Bilanz nach 4 Jahren Forenmitgliedschaft:

Pro:

. keine oder nur wenig Zensur -> was um alles in der Welt soll es mir helfen, nur in blumigen Umschweifen über mein Gewicht zu reden? Genau deshalb war ich nie in Foren wie Hungrig Online et al. aktiv. Über meine Hobbies, mein Lieblingsgericht, den Alltag und andere Nebenthemen kann ich auch mit meinen Freunden reden. Dazu brauche ich kein Forum für Essgestörte, in dem Zahlen tabu sind. Zahlen gehören zu einer Essstörung, wie Luft zur Lunge.

. Gleichgesinnte finden: wenn auch anonym, man lernt eine Menge über den Umgang mit der ES.

. gemeinsam vorankommen: ich will nicht zunehmen, aber wenn ich abnehmen will, weil ich das Gewicht nicht ertrage, wird das in der großen weiten Welt da draußen niemand verstehen. Allein bleibt allein. Es ist wohl auch ein Grund, wenn auch kein schöner. Aber ich mag so ehrlich sein. Foren triggern und es ist für mich ein Grund, da zu sein (wenn auch weit nach den beiden erstgenannten)

Contra:

. negative Gefühle werden manchmal verstärkt oder färben ab

. muss sagen, dass meine Kontrollzwänge seit der Forennutzung stärker wurden, in Bezug auf das Essen. Auf manche absurd krassen Ideen wäre ich allein vielleicht nie gekommen.

. FA-Anfälligkeit: manchmal ist es schon so, dass ich Hunger bekomme, wenn ich sowas lese… schwierig,…

. Pathologisieren: ich glaube, das vieles stärker gewertet wird in einem Forum, Beschwerden, Ängste, psychische Probleme. Es kann leicht zu größerer Angst führen, man fühlt sich noch schlechter… aber manchmal hilft es eben auch sehr, genau darüber zu schreiben…

. Alles virtuell: für mich kann ein Forum den Freundeskreis nicht ersetzen, aber… man verbringt sehr viel Zeit vorm Rechner, taucht in diese Welt ein, wo man sicher ist… gleichzeitig ist sie aber auch zerbrechlich, man will keinen seiner virtuellen Freunde kränken. Geschriebenes ist oft leichter zu formulieren, da besser überlegt als im direkten Gegenüber… aber ist es einmal geschrieben, steht es da – Hilfe! Kontrollzwang?! Wollte ich das wirklich so sagen?!

Fazit:

Ohne Forum fehlt mir etwas. Ich kann und will nicht ohne. Ich bin in einem eher kleinen Forum, wir halten uns keineswegs zum Hungern an, wir wiegen auch nicht alle unter 40, wie man z.B. an mir sieht. Wir sind, glaube ich, eine ganz nette kleine Familie und ich möchte aufgrund all der sozialen Pro-Punkte diese Gemeinschaft nicht missen. Dafür nehme ich manche negativen Impulse in Kauf. Wenn man niemandem sagen kann, dass man gerade fast platzt wegen einer halben Banane, ist es gut, das irgendwo schreiben zu können, wo niemand den Kopf schüttelt…

Kategorien: Pro Ana (kommentiert)
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