hungry blog – Leben, Alltag und Essstörung aus dem Blickwinkel einer Betroffenen

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Ich bin es leid.

Oktober 17, 2009 · 7 Kommentare

„Normalgewicht – so einfach, schön und wundertoll!“

An die Propagandisten solcher Einstellungen…

Dieses Blog ist nun wirklich nicht pro Ana*. Dieses Blog gibt zu, subjektiv zu sein – nein, es macht sich zur Aufgabe, höchst subjektive Empfindungen darzustellen. By the way, das haben Empfindungen so an sich. Ich betreibe hier keine Wissenschaft, ich recherchiere nur in meiner Seele und meinen Erinnerungen. Ich rufe niemanden zum Hungern, Fressen oder Fasten auf. Aber ich weise darauf hin, dass es von allem mehr als eine Seite gibt und dass es das gute Recht der Kranken/“Betroffenen“ ist, eine Lobby zu bilden. Die Alkoholiker meinen, sie könnten kontrolliert trinken, die Depressiven und Schizophrenen versuchen eine Ebene zu finden, auf der sie existieren können. Nur die Magersüchtigen sind die Antichristen, weil sie nicht das non plus ultra Vollremision anstreben?

Aha. Ist ja interessant. Welche Abteilung will die Vollremission? Die Innere Medizin? Die Onkologie? Nein?! Ach, die gemeine Psychiatrie ist es, oh! Welch interessantes Ziel, höchst lobenswert. Und in einigen Fällen v.a. eines: höchst dummdreist. Mit Verlaub, was ein Mensch mit seiner Seele anstellt, ist seine Privatangelegenheit. Und jede Argumentation mit der Totschlagthese zu erwürgen, die Sicht sei gestört, der Mensch verblendet, ist nicht nur primitiv, sondern auch ziemlich oberflächlich.

An dem Punkt, an dem Bewusstsein einsetzt, und das tut es auch bei dem noch so verblendeten Anorektiker für einen gegebenen Wert von Zeit irgendwann, findet hier eine Diskussion statt. Und diesbez. spreche ich vor allem, wenn nicht ausschließlich, von chronisch Kranken. Ich rede nicht von Teenies, die durch eine Diät in den Abgrund der Magersucht abdriften und ihr Leben damit zerstören, unbewusst, unkontrolliert, fatal. Sondern ich rede von Leuten, die Jahre mit ihrer Krankheit verbracht haben, für die es mehr ist als eine Kompensation oder ein Liebesersatz oder ein Aufmerksamkeitsdefizit. Für die es ein Inhalt geworden ist, der emotionale und philosophische Bedeutung hat. Das sind Leute, denen mit der 20. Magensonde auch keiner mehr hilft. Und ehe die Medizin das nicht begriffen hat, wird ihr das Wesen der Magersucht auf diesem Gebiet eben verschlossen bleiben.

Wenn die Magersucht nur eine einfache psychische Krankheit wäre, könnte man sie mit Sicherheit besser behandeln.**

*im Sinne der Anschauung in den Medien, bitte andere Artikel beachten!
**Dies ist natürlich relativ zu sehen – worauf ich anspiele ist die hohe
Todesrate, die sie unter psyhischen Krankheiten zweifelsfrei in eine
Sonderstellung bringt – das muss wohl einen Grund haben…
und dieser Grund ist der massive Krankheitsgewinn.

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Kampf um 100 Gramm

Oktober 7, 2009 · 1 Kommentar

Umarmt vom Selbstzweifel, die Neurose ist zurück! Setz dich, liebe Anorexie oder was immer du bist, magst du einen Tee? Bitte bleib doch noch ein bisschen, ich fühle mich so einsam. Mir ist so seltsam… schwarz um die Seele. Oder vor Augen? Kann auch sein. Egal. Hunger ist Trost. Hunger ist Freiheit. Hunger ist die Lösung aller Probleme.

Meine Gedanken. Gut, zugegebenermaßen etwas überspitzt. Aber im Grunde handle ich diesen Gedanken entsprechend, auch wenn ich sie weder laut noch leise denke und es eigentlich statt Gedanken nur hier gemachte Assoziationen sind.

Mein Tag: ich stehe auf, habe Angst steige auf die Waage, ärgere mich, gehe unter die Dusche, ziehe mich an, trinke Tee, esse Essen, finde es zu viel, gehe wohin, {hier bitte beliebige studentische Alltagshandlungen einfügen}, komme heim, lerne, lese, schreibe E-Mails, ziehe mich aus, wiege mich, ärgere mich, gehe schlafen. Und von vorne. Ich hasse es,… ich will es nicht anders, aber ich hasse es jeden Tag aufs neue.

Die Anorexie ist eine Neurose in meinen Augen. Eine blöde, fiese, hinterhältige Neurose und man ärgert sich noch über eine Zahl, weil man seiner eigenen Neurose nicht genügt! Blöde 4, ich will eine 3. Ich bin an einem Punkt, an dem mir wieder so viel egal geworden ist. Was aus meiner Gesundheit wird, was aus der Zukunft wird. Denn alles ist unsicher – oder, wenn es das nicht ist – es fühlt sich so an. Alle denken irgendwas von mir, und sei es auch nett oder freundlich, ich wünsche mir eine Kiste, in die ich hineinpasse und von der ich den Deckel schließen kann. Eine Art roter Schuhkarton. Die Assoziation eines gepolsterten Sarges lässt sich nicht abwenden *schmunzel* aber sie ist nicht ernst, ich bin zu schwer, um zu sterben und auch sonst habe ich es nicht vor.

Wieso ist das nur so pervers? 3 kg weniger und man wird zum Tier. Sich selbst fressend. Ich bin müde… ungemein müde. Und deshalb gehe ich auch gleich schlafen. Denke morgen weiter nach. Bald weniger Zeit, bald viel Papier, viel Lernerei, viel Angst. Die ES macht es nicht leichter. Aber ich möchte nicht wissen, wie es ohne sie ist. Ich möchte nämlich nicht erfahren, wie es ist, wieder mehr zu wiegen. Endlich ein bisschen vorangekommen – in meinen Augen – ein Grund zur Freude, nicht zerstören, nicht nachlässig sein, nicht sich selbst enttäuschen.

Gefühlskoma. Gerade noch rechtzeitig, um nicht unterzugehen. Es ist grotesk. Früher, als ich noch ein fahrlässiger Teenie war, hatte die Essstörung mehr emotionalen, fröhlichen Charakter. „Toll, ich hab’s geschafft“ – „Ich bin stark“ – „Ich bin dünner“ … heute ist es zu viel Gewohnheit und zwang. Aber die Vergangenheit ist ein Album voller unscharfer Fotos… Was soll’s. Was ich wollte, habe ich noch nie so genau gewusst. Kommt Zeit, kommt Veränderung…

Gute Nacht!

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Zwiespalt des Hungerns

August 30, 2009 · Kommentar schreiben

oder

„Schlafen und Essen“

Ja, es stimmt wohl. Zufriedenstellende Lebensbedingungen und Hungern sind nicht kombinierbar. Vor ein paar Wochen habe ich noch wie ein Stein geschlafen. Mittlerweile habe ich wohl wieder ein bestimmtes Gewicht unterschritten (ich hab keine Waage, aber ich merke es mittlerweile einfach). Das, ab dem alles anstrengender und der Schlaf schlechter wird. Ersteres stört mich nicht so sehr, aber Schlaf ist schon etwas, das ich mit Leistung verbinde, dem einzigen Gut, was ich noch über meine Essstörung stelle. Nun ja, vielleicht auch noch etwas übertrieben, man könnte noch Liebe und Freundschaft hinzunehmen, das sind ja immer diese ideellen Fragen. Ich muss allerdings sagen, dass ich glaube, dass man etwas so fast schon materielles und praktisches wie eine Essstörung wohl eher nicht gegen die Zuwendung eines Menschen aufwiegen kann. Ich glaube sogar, dass selbst der besorgteste Freund, der einem ungemein wichtig ist, nichts ausrichten kann, wenn man so tief in der Störung vergraben ist. Dass man ihn oder sie dennoch liebt, ist kein Widerspruch, wo hätte man mit dem Vergleich schließlich ansetzen sollen? Schön aber auch nicht.

Manchmal denke ich allerdings darüber nach. Ich frage mich, was ich tun würde, würde ich vor so ein Ultimatum gestellt. „Wenn du mich liebst, dann iss.“ Ich habe zwei Beziehungen deshalb beendet. In der ersten z.B. nahm ich von 37 auf 42 kg zu, dem Freund zuliebe. Danach war ich nicht mehr imstande, Gefühle für ihn zu empfinden, denn ich sah dieses Gewicht als etwas, was er mir angetan hatte.

Dann denkt man also darüber nach: was ist das geringste Übel? Obwohl sie lächerlich sind, zwingt man sich zu dieser Art von Entscheidung. Schlafen oder Essen? Ruhe oder Laufen? Magenschmerzen oder schlechtes Gewissen? – Kraft haben oder Dünn sein – Studium oder Magersucht? Und dann ist man wieder da, wo man angefangen hat…

Es gibt einen Punkt in der Schwebe, an dem man noch nicht zu untergewichtig ist, um vollkommen zu versagen, aber auch nicht so dünn wie die Frauen auf den Bildern. Ich glaube, ich komme langsam wieder darüber hinaus, oder darunter, wie man es sehen will. Ich fühle mich nicht gut, ich habe nicht die normale Kraft, aber ich komme zurecht. Was passiert, wenn es noch weniger wird, weiß ich nicht, oder will ich nicht wissen. Ich will leben, ohne jeden Tag in den Spiegel zu sehen und enttäuscht von mir zu sein. Aber enttäuschen kann man sich auf viele Weisen. Wenn die Sucht nach weniger so zerstörerisch wird, dass ich nicht mehr genug lernen kann, werde ich mich dafür genauso hassen wie für eine beliebige Zahl zugenommener Kilogramm.

Man kann es nicht vergleichen. Irgendetwas wird immer passieren. Meine Prioritäten haben sich schon geändert. Früher hätte ich nicht darüber nachgedacht. Früher musste ich auch lernen, habe weitergemacht „bis zum Umfallen“ und es vielleicht teilweise gar nicht bemerkt, in Betäubung durch die Hungereuphorie. Heute ist es eben anders. Ich habe Angst, die ich als Jugendliche nicht hatte. Ich will etwas, das mir wichtig ist, nicht aufgeben für eine Krankheit. Aber leider ist die mir oft selbst viel zu wichtig.

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Ungestört mit der Störung

August 29, 2009 · Kommentar schreiben

Ich wohne allein. Als ich vor einigen Jahren von zu Hause ausgezogen bin, wog ich 42 kg. Das erste, was ich tat, war all die Lebensmittel zu kaufen, die es bei meinen Eltern nicht gab. Schon ein halbes Jahr vor dem Umzug hatte ich alle möglichen Sachen gekauft, mit Vorfreude auf die „baldige“ Selbstbestimmung, und sie in einen eigenen Bereich des Kühlschranks gestellt: „Magerine“ – ich frage mich bis heute, warum Margarine nicht so heißt ;-) … und Diätmarmelade. 0,3%ige Milch, Tütensuppen in allen Variationen und Reiscracker.

Ich hatte meine erste eigene Wohnung. Eigenen Kühlschrank. Eigenes Essen. Trotzdem war ich nicht wirklich frei. Brauchte für einen Einkauf zwei Stunden. Ich nahm immer den Korb, da es schließlich Kalorien verbraucht, ihn zu tragen, und nicht den Wagen. Zwischen den Regalen blieb ich stehen und starrte die Dosen an. Manche Lebensmittel durften sofort mitgenommen werden, weil ich den Gehalt kannte, andere mussten erst überprüft werden. Ich mache es heute auch meistens noch so, dass ich mir viele Lebensmittel nur ansehe. Ich denke darüber nach, wie sie schmecken und versuche mich an die sachliche Bilanz zu erinnern, die ich nach jedem Essen aufstelle: hat es bis zum letzten Bissen geschmeckt oder war es Verschwendung und vollkommen überflüssig, da nicht mal ein brauchbarer Genuss? Meistens ist das der Fall, weshalb meine Liste auch nicht lang ist.

Eine Zeit lang aß ich fast nichts. 1-2 Mahlzeiten am Tag. Es hörte auf, als sich meine Arbeitszeiten änderten, alles wurde anstrengender, mir war permanent übel, die eigene Schwäche kann ungemein widerlich sein, oder auch erschreckend. Ich unterzuckere blöderweise extrem, komme auf Werte von 48 mg/dl und merke es nicht. Aber nach einer Stunde mit einem solchen Wert, der nach 5 vorangegangenen nüchternen Stunden eben hervorgeht, gehen die Lichter plötzlich doch mitunter ganz schnell aus und man möchte irgendetwas Kohlenhydratiges in sich hineistopfen, oder wenigstens, dass die Übelkeit aufhört. Ich habe mich nie daran gewöhnt. Ich habe 3 oder 4 Tage nicht gegessen, es hat nie funktioniert. Sobald körperliche Leistung erforderlich war, hat mein Stoffwechsel mir den Dicken gezeigt.

Eines kalten Oktobermorgens bin ich aufgewacht und fror. Bis ich merkte, dass es kein Frieren war. Nachmessen, erschrecken. Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich vor mir selbst fürchtete. Ich mag den Wert nicht schreiben, aber er war sehr niedrig. Fühlte mich ziemlich benommen und musste bestimmt eine viertel Stunde überlegen, ob ich mich denn nun zum Kühlschrank bequemen wollte oder ob das alles Quatsch sei und das Pankreas schon seinen Teil zu meinem Wohlbefinden leisten würde… Ich stand dann auf, weil mir nicht wohliger wurde… In meinem Kühlschrank gab es Äpfel, Coke light und Dextro Energen. Ich nahm einen Apfel.  Als das Zittern aufhörte, dachte ich darüber nach, wie ich ab jetzt einschlafen sollte, mit dem Gedanken, dass ich einmal wieder in einen solchen Zustand komme und es mir dann vielleicht einfach egal ist. Vielleicht bleibe ich dann liegen. Zur Erklärung: ich habe immer an meinem Leben gehangen. Zwar bin ich manchmal seiner müde, aber nicht aus Unwillen, etwas Schönes daraus zu machen. Vielleicht aus Frucht vor Erwartungen. Meinen und denen der Welt.

Wie auch immer. Es kam eine Zeit mit viel viel Hunger, immerzu. Meine Hauptbeschäftigung war Methoden zu finden, mit denen ich mich vom Hunger ablenken konnte. On diet forever. Ich weiß nicht, wie lange das so ging, vielleicht ein halbes Jahr oder länger, dann kam eine Zeit, in der ich mir all die Dinge kaufte, die ich mir vorher nie erlaubt hatte. Ich denke, ein wenig wollte ich zunehmen um all die Kommentare vom Hals zu haben, ein wenig wollte ich all diesen Kram in mich hineinstopfen, oder jedenfalls den Geschmack davon haben. Es machte dicker, und auch nicht glücklich, aber es hielt auch ein paar Wochen an.

Solche Phasen kamen immer wieder. Jetzt esse ich gerade weniger, wünsche mir, dass es immer so bleibt, und zweifle doch jeden Tag. Dann mache ich die Augen zu. Seit 5 Jahren bin ich in meinem Alltag ganz allein mit dem Essen. Es ist meine Entscheidung, wieviel und was und wann. Aber sie ist dadurch nicht einfacher. Sie will immer wieder getroffen werden. Bei jeder Kleinigkeit muss nach scheinbar sachlichen Kriterien entschieden werden, ob es gerechtfertigt ist, dies oder das zu essen. So ist es immer noch. In den letzten Monaten gab es nur eine einzige wesentliche Veränderung. Ich glaube, die ist gut so: Ich habe in der Klinik, in der ich war, ein Mädchen getroffen. Sie hatte Anorexie, sie war viel dünner als ich und wollte nie alleine essen. Sie orientierte sich einfach an den anderen, mit dem Ziel, normale Portionen zu essen. Dadurch, dass ich dort nie alleine essen konnte, habe ich auch irgendwann gemerkt, dass das besser ist. Zwar kann ich keine normale Portion essen, ich bekomm dann abgesehen vom schlechten Gewissen einfach Bauchschmerzen…, aber ich merke, dass ich mir eher Essen zugestehen kann, das eigentlich den Stempel „verboten“ trögt, wenn jemand mit mir isst. Gar nicht so unangenehm, wie ich mir lange Zeit gesagt habe. Irgendwie ist es mittlerweile in dem Moment okay. Kann das dann essen, tu es auch und bin danach nicht deprimiert. Zugeben muss ich allerdings auch, dass es, wenn ich mit jemandem essen gehe, auch meistens für den Tag bei dieser Mahlzeit bleibt. Lieber ein schönes Essen, als viele öde.

Und die Moral?
Manche Dinge ändern sich nie. Andere gehen einem später auf. Manchmal ist etwas Kleines sehr nützlich. Hinter dem Schatten ist auch Boden, auf den man die Füße setzen kann. Aber springen kann man nur allein.

Ungestört.

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Normalgewicht = alles wunderbar?

Juli 6, 2009 · 3 Kommentare

Für eine Freundin

Der fünfte Arzt stellt mir die zum fünften Mal wiederholte Frage. Das Gewicht scheint sie alle zu interessieren. Die Zahl. Der BMI vor allem. Der BMI ist so eine Art allmächtige Zahl. Er bestimmt über gesund und krank, nennt einsichtig oder uneinsichtig, entscheidet über Einweisung und Entlassung. Der BMI ist die Götze der Klinikmagersüchtigen und ihrer behandelnden Ärzte.

Während die einen ihre Patienten mit 1,60 m Körpergröße fast bei dicken 55 kg sehen wollen, bevor sie ihnen abkaufen, dass sie jetzt wissen, wie viel man essen muss, um dort hin zu kommen, dürfen andere schon bei gängigen Modelmaßen und 17er BMI das Krankenhaus verlassen. Je nach Betragen wird über die Maßregelung des Delinquenten geurteilt. Manchmal hilft es, manchmal nicht. Manchmal fliegt man auch einfach raus, wenn man es nicht schafft. Oder wird entmündigt, staatlich verpflichtet, gesund zu werden. Denn gesund sein ist das Allerwichtigste in diesem Land. Niemand hat das Recht, seine eigene Gesundheit zu verwirken, außer durch Rauchen, Alkohol oder Drogen. Das kann man über Jahrzehnte betreiben, solange man davon nicht abmagert, ist es egal ob die Herzenzyme so mies sind, dass man jeden Moment das Zeitliche segnen könnte. Die teuerste Krankheit der Deutschen – Diabetes – lange nicht so geächtet wie Magersucht…

Bei Magersucht ist man quasi bis die magische Grenze 17,5 überschritten ist im (organisch oder psychisch-unvernunftbedingten ;-) ) lebensbedrohlichen Bereich. So jedenfalls scheinen es einige Doktoren zu sehen. Noch aufrecht mit 11er BMI die Klinik betreten, – zack – entdeckt, eingesperrt, entwürdigt. Nach Wochen erreicht man einen 14er BMI und bekommt Transportunfähigkeit bescheinigt, während man vor Wut mit der neu gesammelten Kraft die Wände einschlagen könnte.

Ist es das?
Bitte sagen Sie es mir!

Ist das die Hilfe, die Magersüchtige brauchen? Moderne Folter, Tristesse, Rechteentzug und Entwürdigung bis aufs Äußerste für eine Zahl?

Da wäre ich wieder an dem Punkt, wo ich mich frage, was die eigene Entscheidung eigentlich sein soll. Was ist das, wenn es einem genommen wird, sobald man sich selbst (und niemandem sonst) Leid zufügen könnte? Was interessiert den Staat mein Gewicht? Die Krankenkasse zahlt Unsummen, nur damit ich nach „erfolgreicher“ Mast die Therapie erneut boykottiere. Unbeugsam, Widerstand bis ins letzte. Stolz. Was soll das? Was haben sie davon? Und wenn ich ehrlich bin und gleich sage, dass es sinnlos ist – dann bekomme ich einen Betreuer oder was? Verbannung der Freiheit in die Welt der Gedanken. Wenn’s ums Überleben geht, hört der Spaß auf…

Das Warum, ja…

Es ist ganz einfach. Sie können nicht anders. Sie retten ja auch die Komatösen vor dem Tod, halten sich schlafend über Jahre. Sie verdienen an Chemotherapien, die mehr Nebenwirkungen haben als lebensverlängernde. Sie legen PEGs in die Mägen von Menschen, die fast 90 sind und die auch nicht mehr essen wollen. So ist das hier in unserem System. Wir haben keine Chance. Nur den Betrug. Sagen, was sie hören wollen. Die magische Zahl anstreben und unentwegt nicken. Chancenlos.

Ich weiß nicht, was ich dazu denken soll. Nicht genau. Wo freier Wille anfängt und ob ein Mensch das Recht hat, ihn so zu beschneiden, wenn dieser am Anderen keinen Schaden anrichtet. Ich kann es nicht beurteilen, – bin befangen. Ich habe Entwürdigung gesehen, zum Glück nicht so sehr erlebt. Aber ich bin jedesmal wieder aufs Neue schockiert. Kann nicht fassen, wie unmenschlich etwas sein kann, dass einmal eine der menschlichsten Disziplinen war: die Medizin.

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Magersucht und das Thema Gesundheit

Mai 20, 2009 · Kommentar schreiben

Gesundheit ist, wenn man nicht krank ist. Gesundheit ist wichtig, gut, wünschenswert, erstrebenswert, muss behütet werden, darf nicht infrage gestellt werden, ist ein ultimativer Wert. Jeder weiß, was Gesundheit ist! Oder?

Ich bin nicht gesund. Ich bin gestört, meine Gesundheit hat einen ansehnlichen Kratzer. Acht Jahre lang habe ich sie mutwillig geschädigt, mit Medikamenten, Sport, Sucht und Rasierklingen. Meine Gesundheit und ich standen uns nie besonders nahe. Es gab Zeiten, in denen ich sogar gerne krank und schwach aussehen wollte, nur um eine der unerreichbaren menschlichen Umarmungen zu erhalten. Um hinterher festzustellen, dass falsche Zuwendung und Fürsorge nicht besser ist als gar keine. Für mich jedenfalls nicht.

Gesundheit ist für mich assoziiert mit Körper. Schöne weibliche runde Körper. Frauen müssen diese kleine Wölbung unterhalb des Bauchnabels haben. Ich nenne das „Bienenbauch“. Dieses Wort habe ich mir als Kind irgendwann ausgedacht. Damals gab es noch keine Hüfthosen und wir hatten eine Englischlehrerin, die gerne Hosen trug, deren Bund genau in der Taille saß. Es sah grauenhaft aus. Unter dem Gürtel – der „Wespentaille“ – kam der „Bienenbauch“. Auch in Badeanzügen fand ich das sehr widerlich. Frauen, die keinen Bienenbauch hatten, fand ich also besonders schön, wohlgeformt. Die Bienenbauchfrauen waren und sind für mich eine Form der Weiblichkeit. Gebärfreudige weiche Wesen mit einem breiten Becken und Oberschenkel der Bauform Hähnchenkeule. Oben rund, nach unten spitz zulaufend, in der Mitte berühren sie sich, an einer Stelle, für deren Hässlichkeit ich keine Worte finde. Die Vorstellung solcher Beine macht mich traurig. Warum hat die Evolution die Frauen mit diesem überflüssigen Fett geschlagen? Und warum – auch das frage ich mich schon lange – haben die Schaufensterpuppen immer so gerade Beine ohne den Oberschenkelinnenseitenfettknubbel? Ist der etwa nicht gesund und schön und gehört dazu? Warum? Ihr Schweine!

Na ja, so viel zum Exkurs. Weiblichkeit ist gesund, normal und gut. Frauen müssen so aussehen. Gesundheit und Schönheit gehören also zusammen. Insofern war Magersucht für mich auch nie das Nacheifern eines Schönheitsideals, sondern vielleicht eher das Erschaffen eines eigenen Idealbilds. Meine Schönheit ist übertriebene, auffällige Zerbrechlichkeit, grazile Fragilität, Askese, Außergewöhnlichkeit. Das war es, was ich haben wollte. Eleganz.

Was mich übrigens zu einem weiteren Punkt bringt. Oft wird die Anorexie mit einer Regression gleichgesetzt. Der anorektische Mensch möchte in eine Kindform verschwinden, Verantwortung loswerden, sich verstecken, leicht und kindlich sein. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat und ob es wahr ist. Ich selbst habe es jedenfalls nie so erlebt. Ich wollte nie Kind sein, meine Kindheit nachholen oder sonstetwas dergleichen. Meine Kindheit war nicht schön, Kinder sind unmündige, beschränkte, asexuelle niedliche Wesen. Nichts derartiges empfinde ich als erstrebenswert. Eleganz ist ein Attribut, das ein Kind nicht haben kann – es ist untrennbar ans Erwachsensein gekoppelt. Um Charisma, Eleganz, Ausstrahlung zu haben, muss der Körper, das Gesicht eine Lebensgeschichte oder Einstellung wiedergeben.

So kam ich zum Hungern. Selbstbestimmung und Anderssein. Mittlerweile hat es sich manches verändert. Ich habe andere Gründe. Aber ich bin nie ganz zu dem Punkt, an dem ich vielleicht als Teenager war, zurückgekommen, was die Vorstellung von Gesundheit betrifft.

Fassen wir es einmal zusammen: ich will ein Untergewicht halten. Ich nehme einige Mangelerscheinungen in Kauf. Ich esse wenig. All diese Dinge schränken die Gesundheit ein. Ich werde keine blühende Venus sein mit prallen Oberschenkeln. Und macht mich das glücklicher? Ja, macht es. In der Tat muss ich zugeben, dass ich länger mit Untergewicht gelebt habe, nicht extremes – immer ein BMI von um die 16, aber definitives Untergewicht. Und es ging mir psychisch gut. Mit Normalgewicht mag mein Körper glücklicher gewesen sein, ich konnte es wochenlang durchziehen, normal zu essen, aber innerlich hat sich nichts getan. Ich denke, das liegt daran, dass ich eine sehr feste Vorstellung von Schönheit habe. Und dass mir Dinge, die normalen Menschen wichtig erscheinen, gleichgültig sind. Gutes Aussehen war für mich immer ein gewisser Wert. Ich hatte eine Vorstellung davon, was eine schöne Frau ist und diese Vorstellung entsprach nicht der landläufigen. Ich wollte so sein. Das Deprimierende an der Sache ist nur die Sucht. Im Laufe meiner Bemühungen musste ich feststellen, dass mein Körper auf all diesen femininen Scheiß ausgelegt ist. Er will rund und rosig sein. Man kann ein breites Becken und bestimmte Veranlagungen nicht weghungern. Es geht einfach nicht. Ab einem gewissen Gewicht sieht es sogar richtig hässlich aus. Unförmig, schlecht verteilt, verzerrt. Das kann es also auch nicht sein… Man möchte es übrigens nicht glauben, für diese Erkenntnis habe ich ein paar Jahre gebraucht.

Welche Gesundheit wähle ich nun?

Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Therapeut, der das liest, sich etwas denken wird wie „Vielleicht könnte man das schon schaffen – mit etwas Arbeit an der Psyche, die hat ja offenbar nicht stattgefunden.“ oder „Verhaltenstherapie wäre hier bestimmt gut.“ Ach ja. Und dann? Dann bin ich also einer dieser glücklichen gesunden fetten Menschen und mag meine Cellulite und das Speckröllchen über dem Gürtel. Und alles ist gut und wahr und richtig so, denn es gehört ja zum Leben. Dann akzeptiere ich mich und meine Eigenheiten und mag mich so wie ich bin. Bitte einen Lappen, schnell! Ich kann diese schmierige Vorstellung nicht ertragen! Ich bin nicht so, ich bin nicht normal, und ich will es auch niemals sein, wenn das einzige, woran die Welt Gesundheit festmacht mein Gewicht ist!

Widerlich.

Diese Vorstellung von Gesundheit ist nicht besser als der hohlste Schlankheitswahn.

Meine Gesundheit ist im den Augen der Medizin vielleicht nicht vorhanden, für mich ist sie aber essentiell. Mit der Entscheidung, sich nicht zu Grunde zu richten und bewusst mit einer Essstörung zu leben, muss man auchVerantwortung für die eigene Gesundheit tragen. Ich esse kein Junkfood und lasse mein Blutbild bestimmen. Ich gehe nicht unter ein gewisses Gewicht und treibe keinen exzessiven Sport. Ich nehme keine Medikamente mehr um abzunehmen. In meiner Ernährung gibt es keine Tabu-Lebensmittel, nur welche, die mir nicht schmecken. Ich möchte sagen, ich bin nicht weit von einer ziemlich guten Ernährung entfernt, nur dass die Menge nicht stimmt… Mehr mag ich aber auch nicht. Und bis jetzt komme ich damit gut aus. Bis jetzt ist das für mich die beste Lösung.

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Angst

Mai 6, 2009 · Kommentar schreiben

Ein ziemlich hässliches Wort. Unberechenbar, grausam ist sie. Lässt einen nicht gehen, bis man ganz unten ist. Vielleicht ist Angst manchmal heilsam, aber oft ist sie einfach nur belastend. So wie im Moment. Man wacht auf und ist ein Symptomhaufen voll Übelkeit, Schmerzen und Unruhe. Man weiß nicht genau, was man seinem Körper nun schon wieder Böses angetan hat, aber auf jeden Fall rächt er sich. Das sind die Momente, in denen ich mir wünsche, normal zu sein. Einfach normal. Gesunde Zähne, weil man täglich in ein Brot beißt. Wache Augen, weil man Zucker in den Kaffee rührt und ein gesundes Lächeln, weil die Mundwinkel nicht vom Eisenmangel zerrissen und die Lippen spröde sind. Manchmal wäre das ganz schön. Manchmal hasse ich das alles. Vielleicht kann ich es wirklich nicht mehr. Bin einfach zu alt und bin es leid, so zu leben. Aber ein Ausweg fällt mir auch nicht ein. Bzw. ist diese Möglichkeit so weit in den Hintergrund gerückt, dass man vergessen hat, wie man sie umsetzen sollte. Und sollte man auch nur ein kleines Wort verlauten lassen, das ein winziges bisschen nach „Hilfe!“ klingt, wird man überrannt von Menschen, die gute Ratschläge im Rucksack umher tragen.

Ich will das nicht! Es geht nicht so, und schon gar nicht so schnell und einfach, wie ihr meint. Ich kann nicht auf Knopfdruck einsehen, was falsch und krank ist, weil ich es seit Jahren weiß. Jahre! Also Jahre in denen ihr kg-weise Butter gegessen habt. Ihr versteht es nicht und eure Bemühungen tun bloß weh oder entfernen euch von Menschen wie mir. Wir wollen das gar nicht hören, vielleicht wollen wir bloß, dass uns jemand zuhört. Allerdings ohne das 5x anzubieten. Einfach so, weil es ganz gut tut. Manchmal, nicht immerzu.

Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass mein Leben mir manchmal zu viel wird. Und dass ich diese ganzen Anstrengungen nicht mehr aufrechterhalten mag, die notwendig sind, um so ein krankes kaputtes Leben zu bestreiten. Es ist lächerlich und furchtbar ermüdend. Immerhin weiß ich das. Werde sehen, wie die nächsten Wochen werden. Vielleicht etwas besser… Schlechter geht es kaum mehr. Man könnte noch mehr Selbstmitleid aus der hinteren Schublade holen und etwas darin baden, aber es reicht so. Ist gut, ist genug. Ich möchte lieber etwas Mut, ein bisschen Rationalität, verbunden mit Optimismus.

Wie geht das gleich?

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Hilflos ohne Waage

Mai 3, 2009 · Kommentar schreiben

Meine Waage streikt. Sie mag die Werte nicht mehr richtig anzeigen, nur Bruchstücke davon. Also muss ich raten, ob Komma 2 oder Komma 8 – ein Unterschied wie Tag und Nacht! Da denkt man also, man habe Körpergefühl, könne sein Gewicht problemlos schätzen und wisse schon im Bett vor dem Aufstehen, wie viel man heute wiegt. Ja, meistens ist das auch so… ich habe ein ganz gutes Gefühl dafür, wie viel ich zu- oder abgenommen habe, und was die Waage anzeigen wird. Enttäuschungen halten sich daher meist in Grenzen, positive Überraschungen aber leider auch. Man kann nur von sich selbst enttäuscht oder überrascht sein, nicht von der Waage. Die Waage ist für mich objektiv, was gut ist, denn ich bin es nicht. Aber sie ist eine Kontrollinstanz für eine Art der Kontrolle, die man selbst haben sollte: wird mein Tag heute ein guter, glücklicher oder nicht? Was geht das die Waage an? Die Waage ist der Ersatz für das Gefühl „Ich bin dünn“ oder eben nicht. Die Waage ersetzt quasi den Blick in den Spiegel, denn diesem traut man noch viel weniger als dem Blick auf den Bauch (ist er flach oder nicht – ein ordentlicher magersüchtiger Bauch muss morgens superflach sein, sonst hat man versagt). Sie erleichtert das Urteil. Und na ja, dass sie mir heute den Dienst verweigernd, finde ich wenig angenehm. Das einzige, was da hilft ist die Gewöhnung. Ich weiß auch so, wie viel ich wiege. Und drüber zu stehen, sich nicht einzubilden, die Anzeige würde irgendetwas ändern. Vielleicht ist das mal ganz gut… aber morgen gehe ich neue Battarien kaufen…!

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Pro Ana? Nee, … Pro Anni!

April 11, 2009 · 3 Kommentare

Achtung! Dies ist ein Satire Blog.
Ich bin essgestört und schreibe hier über mein Leben.
Dies ist keine Pro Ana Hompeage.

Ich habe beschlossen, meiner Anorexie auch einen Spitznamen zu geben. Anni. Ich finde, das klingt irgendwie nett und niedlich. Ich plane dazu eine kleine Comicreihe, die ihr dann hier sehen könnt ;-) Der erste Entwurf ist schon fertig *g*

Photobucket

Anni ist eine Mischung aus einer Comicfigur und der Personifizierung der Krankheit Anorexie (Ana). Wie man sehen kann, hat sie sehr dünne Ärmchen und Beinchen und ist auch noch nicht so alt. Sie ist ein Teenie und mag Emo Klamotten, aber nicht immer! Sie trägt rosa Chucks, aber eigentlich hatte sie sich schwarze gewünscht. Auf ihre Beine ist sie echt stolz, aber sie hat riesengroße Angst, dass die nach ihrem 17. Geburtstag fett werden ohne Ende…. Da Anni schon ein bisschen länger anorektisch ist, hat sie ein kleines Hungerfältchen im Gesicht, das sieht man, wenn sie lacht ;-) Ach ja, und das Wichtigste: Anni hat so viel Oberweite wie Emily Strange – nämlich keine, und das ist auch gut so! Feminin sucks!

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Mein Werdegang als Hungerkünstler

April 10, 2009 · 3 Kommentare

Viele Wege führen zur Magersucht. Meiner ist schon eine ganze Weile her. Vielleicht ganz gut, es einmal aufzuschreiben. Ich habe das oft versucht, aber meistens waren es nur Momentaufnahmen von Situationen. Ein weiterer Versuch…

Das Leben davor

Genau sagen kann ich nicht, wann ich aufgehört habe, normal zu essen. Aber irgendwann muss es so gewesen sein, nicht? Zumindest normaler. Als Kind habe ich Essen gehasst, von Fleisch wurde mir übel, weshalb ich es meistens in Taschentücher spuckte, die hässliche Flecken in meinen Hosentaschen machten. Grünzeug mochte ich allerdings auch nicht. Die einzigen Dinge, die mir schmeckten, waren Süßigkeiten und Grießbrei. Vom Kindergarten bis zur Grundschule wollten alle, die mich kennenlernten, mich konsequent zum Essen zwingen. Ich erfand die verschiedensten Methoden, Essen verschwinden zu lassen, es auf dem Teller zusammenzuschieben oder Gründe zu finden, warum ich es nicht zu mir nehmen könne. Essen war gleich Stress. Wenn es dann endlich vorbei war, konnte ich wieder die Dinge machen, die Spaß machten. Zudem hatten die anderen Kinder auch noch so komische Lieblingsgerichte, Salamibrot und andere eklige Dinge… An Weiteres mag ich mich dann aber auch nicht erinnern. Ich bin ganz froh, dass meine Kindheit vorbei ist. Das Thema Essen war ein ständiger Grund für Streit.

Aller Anfang

Ich war nie dick, normal im Sinne der Normalität nach den Vorstellungen Anderer auch nicht. Dünn, zierlich, oder klein. Etwas in der Richtung. Mir gefiel das. Wenn schon sonst nichts Gutes, wenn schon nur eine Zwei in Bio, dann wenigstens die Kleinste und Dünnste von allen. Mein Attribut. Die Pubertät setzte dem langsam aber sicher ein Ende. An einem Sommertag tauschte ich mit einer Freundin die Kleider und sie lobte meine Figur. Figur? Was? Das ist ja grauenvoll! Seit wann habe ich eine Figur? Mein Breitenwachstum war mir ein wenig entgangen. Zwar ärgerte es mich öfter, dass mir meine Kinderhosen nicht mehr passten, aber das war ja schließlich normal. Ich hatte also Beine. Mir wurde übel. Sich berührende Oberschenkel waren definitiv ein Grund für schlechte Laune – weiblich, ordinär, fett.

Dem musste alsbald ein Ende gesetzt werden. Ich war etwa 1,50 groß und wog unglaubliche 39 kg. Weil ich mit 15 immer noch so klein war, musste ich zu den verschiedensten Ärzten. Nachdem ein Gendefekt und diverse andere hässliche Krankheiten ausgeschlossen waren, empfahl man mir, mehr zu essen. Zudem bekäme ich angeblich die von allen Kindern ersehnte Mens, wenn ich über 40 kg käme. Ich fand das cool, auch wenn ich alles andere Weibliche widerlich fand (Mathe war entschieden toller). Also versuchte ich, etwas zu essen, in der Hoffnung, ich ginge dann statt weiter in die Breite, endlich in die Höhe. Hungern könnte man ja später. Ich kam bis 16 nicht auf 40 kg. Als ich diese erreicht hatte, dauerte es bis zum ersehnten Frauentag auch noch ein halbes Jahr. Danach bin ich tatsächlich noch 10 cm gewachsen. Ich war begeistert. Und fetter als je zuvor. Mein erster Freund hatte mich in die Vorzüge von Burger King eingewiesen. Dort aßen wir fette Hamburger und tranken Coke. Nicht light, die entdeckte ich erst später. Wohl fühlte ich mich nicht. Ich musste täglich an die 37 kg denken. 1,60 war doch okay, ich würde nicht schrumpfen. Die Ärzte waren sich auch einig, dass ich ausgewachsen sei. Ich hatte nichts zu verlieren. Also aß ich wieder weniger.

Hybris

Ich hatte keine konkrete Vorstellung vom Abnehmen. Magersucht war mir auch kein Begriff, nichts, was mich interessierte. Mich freute lediglich das Dünnsein. Wenig essen war kein Problem, da meine Eltern nie zu Hause waren, Abendessen gab es gemeinsam, sonst konnte ich machen, was ich wollte.

Zwischen meine unvollendeten Pläne kam mir mit dem 17. Lebensjahr eine Appendizitis. Ich hatte gerade wieder ein bisschen zugenommen und wog um die 40. Von meiner heimlichen Frustration darüber wusste niemand. Im Krankenhaus nahm ich durch Operation und Nüchternheit 3kg ab. Dieses Gewicht hielt ich über ein viertel Jahr, ohne dass es jemandem auffiehl. Als meine Mutter mich eines Abends in Wäsche sah, war das perdu. Ich hatte es vorher geschickt vermieden, bei meinem abendlichen Spiegelritual beobachtet zu werden. Dabei betrachtete ich mich relativ zufrieden von allen Seiten und ging anschließend ins Bett. Meine Mutter kam rein und fragte spontan, was ich denn wiegen würde. 37, meinte ich, und das wäre auch gut so! Daraufhin drohte sie mir, kein Taschengeld zu zahlen und mir kein Studium zu finanzieren. Ich haderte mit meinem Schicksal. Zunehmen und meine Ruhe haben – oder Gewicht halten und ständigem Stress ausgesetzt sein.
Ich nahm ein bisschen zu, um sie erst mal zu beruhigen. Irgendwann meinte ich, ich würde jetzt 40 kg wiegen, und dachte, damit sei es gut. Meine Mutter meinte etwas anderes. Also dachte ich mir eine neue Zahl aus, 45, und die Zeit der Verheimlichung begann. Ich nahm Essen mit aufs Zimmer, häufig hatte ich Freunde zu Besuch, denen ich es geben konnte. Oder ich versteckte es und warf es in der Schule weg. Einmal räumte meine Mutter auf und kam dabei in mein Zimmer. Ich weiß nicht, ob es Absicht war, jedenfalls hatte ich die Brote der vergangenen Woche in meiner Nachlässigkeit noch nicht entsorgt. Es gab einen riesen Anschiss. Gegessen habe ich trotzdem nicht mehr. Mein Glück war, dass meine Eltern zu beschäftigt waren. Irgendwann hatten sie es auch wieder verdrängt. Ich aß zu allen Mahlzeiten – tata, also dem Abendbrot – normal, und der Rest war meine Sorge.

So ging das über Jahre. Ich hielt ein Gewicht um die 40 kg. Bis ich auszog. Mit 21 wechselte ich den Wohnsitz, zog in eine andere Stadt. Zuletzt wog ich 42 kg, die ich stolz bei der arbeitsmedizinischen Untersuchung kundtat. Es sollte nicht dabei bleiben. Die Ärztin sagte, das sei aber wenig, das war’s dann aber auch schon. Mein Problem war die plötzliche Freiheit. Da niemand mich mehr zum Essen zwang, war Essen gar nicht mehr so böse. Zum allerersten Mal probierte ich einen exotischen Käse: Mozzarella. Toll! Ich aß ohne Ende. Mein erster eigener Kühlschrank war voll von leckeren Sachen. Tiefkühlpizza, Schokolade, Schlemmerjoghurt, Eis… ich musste niemanden fragen und es war mein eigenes Geld, was draufging. Schneller, als ich es realisieren konnte, passte mir keine meiner Hosen mehr. Es war bedrückend. Wirklich, das Gefühl ist bedrückend. Etwas zu tun, das einem schadet und nicht aufhören zu können. Wie wahr in beide Richtungen…

Ekel

Ich ging zur Berufsschule. Wir waren viele und einige davon kamen mir auch essgestört vor. Durchblicken ließ ich nicht viel. Ich hatte etliche Bücher über Magersucht gelesen und kannte zwei oder drei Magersüchtige. Ich denke heute noch, dass jemand, der an Anorexie leidet, eine gewisse Aura hat, etwas, das „insane“ ist, ein Stigma. Man kann es nicht immer sehen, aber wenn man es sieht, ist es bedrückend markant. Es ist eine Haltung, ein Blick, die Art, wie die Augen zurückschauen, mustern. Es ist da, aber vielleicht ist es nur für solche wie mich da, vielleicht krankhaft und irreal, aber ich denke, es gibt soetwas. Ich hätte mir eine Freundin gewünscht, die mit mir hungert, leidet. Die mir zuhört und der ich zuhören darf. Im Gymnasium gab es Anne (Name geändert). Anne war hübsch und groß und bulimisch. Während sie ins Schulklo kotzte, stand ich vor der Tür Schmiere. Wir rannten zusammen ums Schulhaus in der Pause und aßen trockene Brötchen. Ich werde diese kurze kranke Zeit nie vergessen. In der Berufsschule gab es mehr gesunde Mädchen. Sie aßen Döner und Pizza und fanden es toll. Auf unserer ersten Seminarfahrt war ich voll Panik. Ich konsumierte mittlerweile regelmäßig Abführmittel, um die Folgen meiner Fressattacken auszugleichen. Einen Tag vorher hatte ich noch welche genommen. Die Wirkung war vorbei und mein Magen und Darm schmerzhaft leer. Ich wog 42,2 kg. Unser Zimmer war im 1. Stock. Eine schöne Aussicht auf den Wald. Ich mag Natur eigentlich ganz gern. Ich prügelte mich nicht um ein Hochbett und las „Wasted“ von Marya Hornbacher, zum 2. Mal. Das Buch triggerte mich, ich war mir mittlerweile mehr als früher bewusst, dass ich nicht normal essen konnte und wollte. Eine Freundin interessierte sich für meine Lektüre, ich machte kein Geheimnis darauf, um nicht weiter aufzufallen. Wir waren zu dritt im Zimmer. Sabine, Flora und ich. Abends gab es das erste gemeinsame Essen. Ich wollte gegenüber dem Klassenlehrer nicht krank wirken, hatte keine passende andere Ausrede und saß zwischen 5 anderen Leuten. Also aß ich eine ganze Portion. Dazu trank ich einen Liter Tee. Kurz vor der Klassenfahrt hatte ich zwei mal erfolglos versucht, mich zu übergeben. Als ich fertig war, empfahl ich mich. Das Klo war ein schmaler Gang auf unserer Etage. Alle anderen saßen noch unten beim Essen. Ich drehte den Wasserhahn auf, wie Marya, und übte. Es klappte unvermittelt gut und ich kotzte mir wahrlich die Seele aus dem Leib. Danach fühlte ich mich wesentlich leichter, zufrieden und irgendwie gut, gar nicht traumatisiert oder wie ein Versager. So hatte ich mir das nämlich eigentlich vorgestellt. Ich dachte, wenn man kotzt, fühlt man sich mies hinterher. Allzu oft sollte ich das aber nicht tun, überlegte ich mir dann noch.
Flora kam als erste zurück. Ich lag auf dem Bett mit meinem Buch. „Hast du dich übergeben?“ meinte sie. Ich unterdrückte mein Lachen. „Nein, wieso?“ – „Na ja, manche denken, du kotzt.“ – Der Gedanke schmeichelte mir, aber wieso? Ich kannte eine, die wirklich kotzte, von der dachte es keiner. Frechheit! Na ja, dann dachten das eben welche. So ist das manchmal im Leben. Ich zuckte mit den Achseln.

Pro Ana

Das Kotzen wäre tatsächlich fast zur Sucht geworden, ich ließ es jedoch bald bleiben, weil ich davon Nasenbluten bekam und mir elend schwindelig wurde. Statt dessen konzentrierte ich mich mehr aufs Hungern. Mittlerweile war ich Mitglied in einem Pro Ana Forum. Von Pro Ana hatte ich gehört, als ich meine Eltern besuchte. Die hatten einen Fernseher und ich schaute mir „Für alle Fälle Amy“ an, eine Richterserie. Darin kamen als Delinquenten ein paar Pro Ana Vertreterinnen vor. Ich googelte also den Begriff und stieß auf einige Seiten und Blogs. Meine erste Reaktion darauf war ein ziemlicher Schock. Ich las die 10 Gebote etwa und dachte „Wie kann man soetwas nur schreiben? Dünn sein – wichtiger als gesund sein? Das ist doch grauenvoll. Sind die vollkommen irre?“ Und dann dachte ich, na ja, aber irgendwie kann ich mich da nun auch nicht aus dem Fenster lesen. Mein Leben repräsentiert nicht gerade das Gegenteil… ich las weiter und fand die Bilder, die Thinspirations, die ich auch alle viel zu krass fand. Ich selbst hätte zu der Zeit gut in so ein Album gepasst. Na ja. Irgendwann meldete ich mich in einem Forum an, um zu sehen, was die Anas da so treiben. Und war überrascht, wie nett und teils normal die Mädchen dort waren. Ich hatte eine kleine Familie gefunden, und alle wollten das gleiche: mager sein! Großartig! Ich änderte nach und nach meine Meinung, empfand mich auch selbst als pro und wurde viel radikaler als früher. Ich fastete, ging ins Fitnessstudio und nahm ab. Ein differenzierteres Bild von Pro Ana entwickelte ich erst eine ganze Zeit später.

Auf und Ab

Ich war zwar relativ dünn, aber ich erlebte auch viele Einbrüche. Seit meinem 22. Lebensjahr habe ich ein paar Mal versucht, zuzunehmen, um des Familienfriedens willen oder auch, weil ich mir krank vorkam oder im Rahmen einer Therapie. Es machte mich nie, aber auch sowas von gar nicht glücklicher. Ich wiege jetzt wenig, aber für meine Begriffe viel zu viel. Ich denke allerdings, dass ich einen Weg gefunden habe, mit meiner Essstörung zu leben. Ich setze andere Prioriäten, als als Jugendlicher. Lernen geht vor. Klausuren und Abschluss stehen sehr viel weiter oben als 100g weniger auf der Waage. Ich stehe jeden Morgen drauf und könnte heulen, aber für mich bedeutet Disziplin mittlerweile auch, Tatsachen einzusehen und daran zu arbeiten, statt sich selbst immer nur abzuwerten.

Kategorien: Persönliches
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