Gesundheit ist, wenn man nicht krank ist. Gesundheit ist wichtig, gut, wünschenswert, erstrebenswert, muss behütet werden, darf nicht infrage gestellt werden, ist ein ultimativer Wert. Jeder weiß, was Gesundheit ist! Oder?
Ich bin nicht gesund. Ich bin gestört, meine Gesundheit hat einen ansehnlichen Kratzer. Acht Jahre lang habe ich sie mutwillig geschädigt, mit Medikamenten, Sport, Sucht und Rasierklingen. Meine Gesundheit und ich standen uns nie besonders nahe. Es gab Zeiten, in denen ich sogar gerne krank und schwach aussehen wollte, nur um eine der unerreichbaren menschlichen Umarmungen zu erhalten. Um hinterher festzustellen, dass falsche Zuwendung und Fürsorge nicht besser ist als gar keine. Für mich jedenfalls nicht.
Gesundheit ist für mich assoziiert mit Körper. Schöne weibliche runde Körper. Frauen müssen diese kleine Wölbung unterhalb des Bauchnabels haben. Ich nenne das „Bienenbauch“. Dieses Wort habe ich mir als Kind irgendwann ausgedacht. Damals gab es noch keine Hüfthosen und wir hatten eine Englischlehrerin, die gerne Hosen trug, deren Bund genau in der Taille saß. Es sah grauenhaft aus. Unter dem Gürtel – der „Wespentaille“ – kam der „Bienenbauch“. Auch in Badeanzügen fand ich das sehr widerlich. Frauen, die keinen Bienenbauch hatten, fand ich also besonders schön, wohlgeformt. Die Bienenbauchfrauen waren und sind für mich eine Form der Weiblichkeit. Gebärfreudige weiche Wesen mit einem breiten Becken und Oberschenkel der Bauform Hähnchenkeule. Oben rund, nach unten spitz zulaufend, in der Mitte berühren sie sich, an einer Stelle, für deren Hässlichkeit ich keine Worte finde. Die Vorstellung solcher Beine macht mich traurig. Warum hat die Evolution die Frauen mit diesem überflüssigen Fett geschlagen? Und warum – auch das frage ich mich schon lange – haben die Schaufensterpuppen immer so gerade Beine ohne den Oberschenkelinnenseitenfettknubbel? Ist der etwa nicht gesund und schön und gehört dazu? Warum? Ihr Schweine!
Na ja, so viel zum Exkurs. Weiblichkeit ist gesund, normal und gut. Frauen müssen so aussehen. Gesundheit und Schönheit gehören also zusammen. Insofern war Magersucht für mich auch nie das Nacheifern eines Schönheitsideals, sondern vielleicht eher das Erschaffen eines eigenen Idealbilds. Meine Schönheit ist übertriebene, auffällige Zerbrechlichkeit, grazile Fragilität, Askese, Außergewöhnlichkeit. Das war es, was ich haben wollte. Eleganz.
Was mich übrigens zu einem weiteren Punkt bringt. Oft wird die Anorexie mit einer Regression gleichgesetzt. Der anorektische Mensch möchte in eine Kindform verschwinden, Verantwortung loswerden, sich verstecken, leicht und kindlich sein. Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat und ob es wahr ist. Ich selbst habe es jedenfalls nie so erlebt. Ich wollte nie Kind sein, meine Kindheit nachholen oder sonstetwas dergleichen. Meine Kindheit war nicht schön, Kinder sind unmündige, beschränkte, asexuelle niedliche Wesen. Nichts derartiges empfinde ich als erstrebenswert. Eleganz ist ein Attribut, das ein Kind nicht haben kann – es ist untrennbar ans Erwachsensein gekoppelt. Um Charisma, Eleganz, Ausstrahlung zu haben, muss der Körper, das Gesicht eine Lebensgeschichte oder Einstellung wiedergeben.
So kam ich zum Hungern. Selbstbestimmung und Anderssein. Mittlerweile hat es sich manches verändert. Ich habe andere Gründe. Aber ich bin nie ganz zu dem Punkt, an dem ich vielleicht als Teenager war, zurückgekommen, was die Vorstellung von Gesundheit betrifft.
Fassen wir es einmal zusammen: ich will ein Untergewicht halten. Ich nehme einige Mangelerscheinungen in Kauf. Ich esse wenig. All diese Dinge schränken die Gesundheit ein. Ich werde keine blühende Venus sein mit prallen Oberschenkeln. Und macht mich das glücklicher? Ja, macht es. In der Tat muss ich zugeben, dass ich länger mit Untergewicht gelebt habe, nicht extremes – immer ein BMI von um die 16, aber definitives Untergewicht. Und es ging mir psychisch gut. Mit Normalgewicht mag mein Körper glücklicher gewesen sein, ich konnte es wochenlang durchziehen, normal zu essen, aber innerlich hat sich nichts getan. Ich denke, das liegt daran, dass ich eine sehr feste Vorstellung von Schönheit habe. Und dass mir Dinge, die normalen Menschen wichtig erscheinen, gleichgültig sind. Gutes Aussehen war für mich immer ein gewisser Wert. Ich hatte eine Vorstellung davon, was eine schöne Frau ist und diese Vorstellung entsprach nicht der landläufigen. Ich wollte so sein. Das Deprimierende an der Sache ist nur die Sucht. Im Laufe meiner Bemühungen musste ich feststellen, dass mein Körper auf all diesen femininen Scheiß ausgelegt ist. Er will rund und rosig sein. Man kann ein breites Becken und bestimmte Veranlagungen nicht weghungern. Es geht einfach nicht. Ab einem gewissen Gewicht sieht es sogar richtig hässlich aus. Unförmig, schlecht verteilt, verzerrt. Das kann es also auch nicht sein… Man möchte es übrigens nicht glauben, für diese Erkenntnis habe ich ein paar Jahre gebraucht.
Welche Gesundheit wähle ich nun?
Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Therapeut, der das liest, sich etwas denken wird wie „Vielleicht könnte man das schon schaffen – mit etwas Arbeit an der Psyche, die hat ja offenbar nicht stattgefunden.“ oder „Verhaltenstherapie wäre hier bestimmt gut.“ Ach ja. Und dann? Dann bin ich also einer dieser glücklichen gesunden fetten Menschen und mag meine Cellulite und das Speckröllchen über dem Gürtel. Und alles ist gut und wahr und richtig so, denn es gehört ja zum Leben. Dann akzeptiere ich mich und meine Eigenheiten und mag mich so wie ich bin. Bitte einen Lappen, schnell! Ich kann diese schmierige Vorstellung nicht ertragen! Ich bin nicht so, ich bin nicht normal, und ich will es auch niemals sein, wenn das einzige, woran die Welt Gesundheit festmacht mein Gewicht ist!
Widerlich.
Diese Vorstellung von Gesundheit ist nicht besser als der hohlste Schlankheitswahn.
Meine Gesundheit ist im den Augen der Medizin vielleicht nicht vorhanden, für mich ist sie aber essentiell. Mit der Entscheidung, sich nicht zu Grunde zu richten und bewusst mit einer Essstörung zu leben, muss man auchVerantwortung für die eigene Gesundheit tragen. Ich esse kein Junkfood und lasse mein Blutbild bestimmen. Ich gehe nicht unter ein gewisses Gewicht und treibe keinen exzessiven Sport. Ich nehme keine Medikamente mehr um abzunehmen. In meiner Ernährung gibt es keine Tabu-Lebensmittel, nur welche, die mir nicht schmecken. Ich möchte sagen, ich bin nicht weit von einer ziemlich guten Ernährung entfernt, nur dass die Menge nicht stimmt… Mehr mag ich aber auch nicht. Und bis jetzt komme ich damit gut aus. Bis jetzt ist das für mich die beste Lösung.