Wenn es mir gut geht, ist das Hungern oder das, was die behandelnden Ärzte Magersucht nennen, für mich durchweg gut. Ich nenne die Anorexie individuell, frei, ehrgeizig… Ich weise ihr Attribute zu, die man grob unter Perfektion zusammenfassen könnte.
Wenn es mir schlecht geht, sieht das ganz anders aus. Das Nicht-Essen verliert seinen Glanz. Es strahlt nicht als erhabene Eigenschaft aus dem so fahlen Menschsein hervor, sondern es ist die personifizierte Unfähigkeit geworden.
Ich sitze auf meinem Stuhl, die Knochen tun mir weh. Seit Stunden habe ich nichts gegessen. Nun bin ich wieder zu Hause und weiß, dass ich essen müsste. Oder sollte. Dass es die Zeit dafür wäre und ich Hunger empfinden würde, wäre ich ein normaler Mensch. Ich warte ein wenig, aber der Hunger kommt nicht. Natürlich nicht. Er hat sich daran gewöhnt, enttäuscht zu werden und so hat er es für die Mehrzahl der Tage eines Jahres aufgegeben, persönlich zu erscheinen. Er schickt nur manchmal seinen Handlanger, den Appetit vor.
So sitze ich da und überlege, was ich essen könnte. Und warte und warte und esse letztlich nichts oder fast nichts. Ich kann nicht. Eine innere Schwere zieht mich, drückt mir auf den Brustkorb. Erst halte ich es für Übelkeit, wie beim Hunger, aber es ist nicht das gleiche. Es ist Bedrängnis. Traurigkeit. Es geht mir nicht gut. Früher habe ich gegessen, wenn ich deprimiert war. Oder wütend. Mittlerweile ist es anders, oder vielleicht ist das Gefühl auch anders. Was es auslöst, ist jedenfalls nicht mehr Essen. Sondern Zögern. Ich horche in mich hinein und suche den Hunger. Er kommt nicht. Ich sehe keinen Sinn im Essen, ich fühle nichts, ich lasse los und suche mir eine andere Beschäftigung.
Das ist sie, die andere Seite meiner Krankheit. Lange Zeit war es nicht so. Ich hatte geglaubt, ich wäre es schon alles so sehr gewöhnt, dass das Leben damit kaum mehr eine Belastung darstellen würde. Und nun muss ich zugeben, dass es nicht so ist. Dass es gute Seiten gibt, die mir gefallen, die ich als Ästhetik ansehe, aber die eben nicht alles sind.
Ambivalent, fesselnd, bis erdrückend.
Eine Sucht.
2 Antworten bis hierher ↓
seelenfessel // Juli 12, 2009 um 12:33 |
die worte lassen eine betroffene mit fühlen.
ich komme nun sicher öfter hier her.
lebenswerte grüße an dich.
carrymuse // Juli 18, 2009 um 10:59 |
Hallo me.ipsum,
es ist nicht schwer, mich an diese Zeit zu erinnern. Sie lastet auf einem und erdrückt dich, bis zu am Boden liegst. Es tut weh und ich habe mich damals in Hilflosigkeit verloren. „Damals“ ist gut. Ich wünsche dir alles Gute!
Liebe Grüße,
Carrymuse