hungry blog – Leben, Alltag und Essstörung aus dem Blickwinkel einer Betroffenen

Immer zu allem stehen, was man tut? Sage nein!

Juni 12, 2009 · 8 Kommentare

Die Devise bei alten Geschichten. Man hat eine Freundschaft beendet, ist als Teenie ausgezogen, oder man hatte eine Meinung. 10 Jahre später hat man sie nicht mehr. Dann kommt der 0815 Standard Prolet und sagt „Steh doch mal dazu!“

Wozu stehen?
Dazu, dass man vor 10 Jahren etwas so gesehen, so getan, so gesagt hatte? Wer war man denn vor 10 Jahren? Ich – nein – ich kann nicht sagen, dass ich mir vor 10 Jahren besonders ähnlich sah. Ähnlich war. Ich bin ich, heute, wie ich hier stehe und das tue ich nicht zu dem, was zu Teenie-Zeiten aktuell war.

Ich hasse diesen Satz. Er ist so grenzenlos borniert  – er impliziert den Schwachsinn in seiner reinsten Form.

Steh doch mal dazu.

Steh doch mal dazu, dass du vor 10 Jahren ein anderer Mensch gewesen bist, mit dem du nichts mehr gemeinsam hast.
Dazu, wie viel du gegessen, getrunken oder gelacht hast. Aus nichtvorhandenen Gründen. An die du dich nicht erinnern kannst.
Steh doch mal zu deiner Frisur von vor 10 Jahren, oder zu deiner politischen Einstellung. Was, du bist gar nicht mehr rechts? Ich will aber, dass du jetzt mal gefälligst dazu stehst, das macht man so.

Ich mache das anders.

Ich stehe nicht zu meinem Geschwätz von gestern.
Oder meiner Meinung.
Oder meiner Lebensweise.
Sie ist es nämlich nicht mehr. „Meine“
Und deshalb stehe ich auch nicht zu meinen Narben von vor 10 Jahren. Sie sind alt, sie sind nicht ich und sie sind uninteressant. Zu blöd nur, dass sie immer noch da sind. Hätte ich einen kleinen Fahrradunfall ohne weitere Folgen gehabt, wäre dies nun auch nicht Teil meiner Persönlichkeit, wäre ich ein ganz normaler Mensch. Aber SVV erlaubt es wildfremden Menschen, sich anzumaßen, sie sein in der Lage, sich ein Urteil über eine Zeit zu erlauben, die 10 Jahre zurückliegt.

Ist das nicht überaus interessant?

Eine Szene
Mensch mit Narben am Arm sitzt im Café.
Bekannte kommt vorbei und setzt sich hin.
Bekannte mustert den Arm und denkt „Na, das ist ja… das hätte ich nicht gedacht.“ Gemeint ist Die hat sowas? Sowas ist echt gestört. Wie kann man nur so rumlaufen?
Anschließend wird man im Verlauf des Gesprächs, das trotz massiver Neugier erst einmal auf ein anderes Thema gelenkt wird, zärtlichst gefragt, was man denn da angestellt habe. Den Rest des Gespräches kann man dann unter Ulk verbuchen, da die Bekannte in 90% der Fälle nun eine für alle Ewigkeit feststehende Meinung von der Person, die sie kaum kennt, hat.

Sehr schön finde ich auch folgende Fragen (und Antworten):

Was hast du denn da am Arm? – Narben?
Hast du eine Katze? – Nee, zwei.
Du… sag mal, was is’n das eigentlich an deinem Arm? – Wonach sieht’s denn aus? (Manche meinen wirklich, diese Einfühlungsmasche wäre toll)
Ritzt du dich? – Präteritum. Danke der Nachfrage, ich verletzte mich selbst. Und zwar vor 10 Jahren. Wenn du willst, kann ich dir ein paar Selbsthilfegruppen für Sehgeschädigte nennen…
Das machst du aber nicht mehr da oder? - Oh Mann…

Ich warte auf den Tag, an dem endlich mal jemand kommt und sagt:
Warst du mal SVVler?
oder auch ok wäre
Hast du Bordlerline?

Die Antwort auf die 1. Frage wäre Ja. Auf die 2. Nein. Borderline, ich glaube, eine der schlimmsten Diagnosen – denn sie klebt wie Sekundenkleber – blitzschnell und für immer. Mit Borderline lassen sich ja alle Probleme so gut erklären: die kaputte Beziehung, das Verhältnis zu den Eltern, die Essstörung. Alles Borderline. Und: es ist eine prima Ausrede, um einen Menschen als gestört zu bezeichnen. Oder als dumm. Denn SVV macht ja heute jeder, das ist chic, auch nur so ne Mode wie dieser Schlankheitswahn. Und wer das schön findet, ist ja total krank. Wer’s einfach nur so macht, ist auch intelligenzgemindert, denn er sieht ja nicht, wie hässlich und nutzlos das ist.

Genau.

Genau so wird es wohl sein.

Kategorien: Gedanken · Kritisches
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8 Antworten bis hierher ↓

  • fragile.wings // Juni 12, 2009 um 9:47 | Antworten

    Hach schön ^^ das war jetzt köstlich amüsierend.
    Ich würde mich gern mal in der Realität mit dir unterhalten ;-)
    Borderline – Der mit Abstand größte Schwachsinn, den man überhaupt diagnostiziert bekommen kann. Ich wusste nichmal, dass es als Verdacht in meiner Akte steht; erst nachdem mich meine neue Therapeutin so ganz nebenbei darauf hingewiesen hat.
    Gleich darauf verdrehte sie die Augen: „Das können wir schonmal getrost streichen, das ist nicht so wichtig“ – ah. Danke..!

    Liebe Grüße <3

  • Majsea // Juni 16, 2009 um 4:58 | Antworten

    Wenn es nicht Deins ist, was Du aussprichst und tust, welche von Deinen Persönlichkeiten in Deinem Körper, die Deinen Mund benutzt haben, war es denn? ;-)
    Dann könnte man wenigstens unterscheiden und der/die wüsste dann Bescheid ..

    Wer sagt denn sowas noch „Steh dazu ..“ und wozu? ICH jedenfalls, steh dazu, dass ich nicht dazu stehe. Das ist doch mal ein klare Aussage, die ich gerne ausdrücklich betonen würde, wäre ich Du.

    Wenn ich jemanden treffe, der vor 10 Jahren bestimmte Dinge gesagt hat, entsprechend ausgesehen hat, entsprechende Meinung hatte und jetzt sagt, nö war nicht so. Dann muss ich darüber sagen, entweder derjenige hat von damals sein Gedächtnis abgegeben oder ich. Und wenn ich feststellen würde dass ich es nicht wäre – ich würde mir schwer verarscht vorkommen und die 10 Jahres Bekanntschaft von früher, weitere 10 Jahre sein lassen.

    Deinen Ärger über diese Floskel kann ich also gar nicht verstehen. Genauso wie den Übergang von dieser Floskel zu Borderline. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

    Gruß, Majsea

    • me.ipsum // Juli 4, 2009 um 10:30 | Antworten

      Darum geht es hier nicht. Es geht um Rechtfertigung für verjährte Gedanken, Meinungen und Handlungen. Diese ist albern und meist nur in der Neugier schaulustiger Menschen begründet. Es geht ihnen oft nicht mal um das Warum, was die Erklärung, zu der „Steh dazu!“ auffordert, wiederum von selbst ad absurdum führt.

      „ICH jedenfalls, steh dazu, dass ich nicht dazu stehe.“
      Pauschalisierung, die es auch wieder nicht trifft. Ich sage nicht, dass mir danach ist, jeden gestrigen Tag zu verleugnen.

      Was an der Parallele oder vielmehr Überleitung zu Borderline/SVV so anspruchsvoll gewesen sein soll, weiß ich nun allerdings wirklich nicht.

      Ohne Worte.
      Mit Räuspern.

  • Luna // Juni 28, 2009 um 5:46 | Antworten

    „Ritzt du dich?“ find ich am schlimmsten… Das hat für mich immer dieses „Ich brauche Aufmerksamkeit, deswegen versuch ich jetzt, mich mit ner Tackernadel umzubringen“-Erscheinungsbild.
    Aber generell: Ja. Kenn ich. Die ganze Situation. Und es ist so dermaßen Ä-T-Z-E-N-D!
    Du hast vergessen, wie großartig man sich fühlt, wenn einem die ganze zeit auf die Arme und nicht ins gesicht gestarrt wird -.-
    Grüßlis,
    Luna,

  • mia // Juli 2, 2009 um 1:36 | Antworten

    Oh ja, wie wahr…
    Liest sich gut, aber eigentlich ist es doch eher traurig…

    Naja, die Diagnose an sich find ich nicht schwachsinnig, aber die Diagnosepraktik erscheint mir doch manchmal seltsam „Hmm, scheint mir Pubertät zu sein und außerdem hab ich eh keine Ahnung, da schreib ich mal Borderline auf, klingt immer gut und sicher lässt sich damit mehr Geld verdienen als mit Pubertät“

  • PhoebisPhilea // Juli 5, 2009 um 11:05 | Antworten

    Ich verstehe das Problem gar nicht. „Zu x stehen“ ist doch nicht gleichbedeutend mit „x immernoch tun, gut finden oder verstehen“. Der Wahrheitswert von „Ich habe mal rechts gewählt“ verändert sich doch nicht mehr durch die Gegenwart, weder durch die Tatsache, dass ich jetzt grün wähle, noch durch die, dass ich zugebe, mal rechts gewählt zu haben. Und das behauptet oder unterstellt auch niemand, der so ein Eingeständnis fordert.

  • PhoebisPhilea // Juli 5, 2009 um 11:13 | Antworten

    Ach ja… ganz pragmatistisch gesehen kommt natürlich auch ein weiteres Problem dazu: Wo beginnt denn überhaupt unsere Verantwortung für das, was wir tun und sagen? Haben wir mit allem was eine hinreichende Zeit zurück liegt, nichts mehr zu tun? Kann ich heute ein Versprechen geben und morgen nicht mehr darauf festgelegt sein? Bin ich nach einer Woche nicht mehr für einen Mord verantwortlich? Dem Relativismus sind Tür und Tor geöffnet.

  • me.ipsum // Juli 6, 2009 um 4:53 | Antworten

    Der Vergleich mit dem Mord hinkt zwar etwas, aber nun ja, um der lieben Philosophie willen:

    Ich habe es oft erlebt, dass andere Menschen sich für olle Kamellen interessieren, einen danach beurteilen und diese in die Vorstellung vom Gegenüber aufnehmen, auch wenn sie vor Wissen ebendieser ein ganz anderes und nicht ungenaues Bild von der Person hatten. Das gute Beispiel dazu ist SVV. Nie gesehen, immer lange Ärmel. Dann kommt man im T-Shirt und soll sich erklären. Während meinen Wahlzettel nie jemand sehen wird, er aber für mich fataleres enthalten könnte als es die Narben FÜR MICH sind, wird über Offensichtliches frei heraus geurteilt. Man wird verändert gesehen, obwohl man selbst sich nicht verändert hat. Die Vergangenheit ist schon so weit weg, dass sie keinen oder einen ungemein geringfügigen Teil der Persönlichkeit darstellt. Vielleicht ist man sogar sehr froh, dass man sie losgeworden ist.
    „Steh dazu“ ist ein Sinnbild für die unerhörte Aufforderung zur Rechtfertigung. Die dumme Frage. Der blöde Blick. All das.
    Das heißt aber nicht, dass man es wie Adenauer halten muss („Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“). Man sollte aber manchmal dürfen, denn Menschen verändern sich. Dazu muss es nicht um Gravierendes oder Illegales gehen. Es ist einfach oberflächlich, zu fordern, dass ein Anderer sich die Mühe macht, etwas Lästiges zu erklären, noch dazu wenn das Interesse an Sensationsgeilheit grenzt (Oh was für eine krasse Störung, wow, und wie gehst du heute damit um?)

    Natürlich könnte man nun sagen: Pech, selber schuld, wenn du keinen plastischen Chirurgen samt synthetischer Haut an der Hand hast. Dann „steh dazu“ und erklär es auch dem 3000. Deppen so, dass er nie wieder Vorurteile gegenüber von SVV betroffenen Menschen hat. Aber hey, ich würde mir wirklich wünschen, dass genau das nicht mehr nötig wäre, weil man auch mal auf die Information über ein pubertäres halbes Jahr verzichten kann.

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