Bei einem kleinen Streifzug durch youtube.de (wo ich mich neuerdings auch mal angemeldet habe) bin ich erneut über einige interessante Beiträge zu „Pro Ana“ gestoßen. Alle haben den gleichen Grundtenor: es gibt da diese Seiten….
… dort finden sich Magersüchtige zusammen
… geben sich Anleitungen zum Hungern und Kotzen
… stacheln sich zum Abnehmen an
… benehmen sich wie Sektenanhänger
… huldigen der Magersuchtgöttin Ana
… die auch als „Freundin“ bezeichnete, personifizierte Magersucht
… sind minderjährig und verführen andere Minderjährige, sich eine Essstörung zuzulegen
… User, die nicht oft genug online sind, werden bestraft oder ausgeschlossen
… man postet dort Fotos von sich, um den Hungererfolg zu beweisen
… und wer nicht dünn genug ist, wird animiert, was zu tun!
Ich räuspere mich an dieser Stelle.
Gehen wir der Reihe nach vor.
Ja! Es mag solche Foren geben, ganz real wirken sie, böse und übergriffig – und zwar in den feuchten Träumen von Leuten wie Lara Fritzsche oder anderen Reportern (<- Ich verzichte hier auf die Anführungszeiten, ich möchte ja niemanden beleidigen…). Dass es für Lügen in dieser Branche Auszeichnungen gibt, ist ja seit Katharina Blum, also nicht erst seit gestern, bekannt. Welches Ausmaß diese annehmen können, steht auf einem anderen Blatt.
Ganz ehrlich, liebe Frau Fritzsche und Kollegen*…
*(Innen fehlt bei mir aus Prinzip, ich halte nichts von
der Verstümmelung des generischen Maskulinums)
… seit Ihrem Artikel ist ja eine ganze Weile vergangen. Er war sicher damals schon überzogen, wenn auch nicht vollkommen falsch… Ich war in meinem Leben in einer Handvoll Pro Ana Foren, habe viele interessante Menschen kennengelernt, viel diskutiert, reflektiert und nachgedacht. Dummerweise war nie eines der oben beschriebenen Art dabei. Ich weiß ja auch nicht, wie das passieren konnte, wo doch Pro Ana Foren per definitionem der lange Pfad zur Hölle sind. Genauer gesagt erst durch die Hölle und dann in den Tod.
Was ich sagen wollte, verzeihen Sie, dass ich abschweife, es kann schon sein, dass es solche krassen Foren, wie das von Ihnen beschriebene gibt. Nur können es so viele nicht sein, sonst müsste ich wohl schon mindestens mal einem begegnet sein. Begegnet bin ich vielen, schließlich bin ich ein ganz gut informierter Bürger, kann das Internet benutzen, kann auch noch lesen und habe die Zeit, die ich hatte, um mich mit diesem Thema zu befassen benutzt, um tatsächlich zu recherchieren (manche Menschen verwechseln dieses Wort immer mit Überfliegen, aber ich verspreche Ihnen: man kann das lernen!)
Zugetragen wurde mir allerdings, dass es zu Zeiten des „Pro Ana Hypes“ – einer Zeit, in der Pro Ana durch die Medien erst so richtig populär wurde – einige extremere Foren gegeben habe. Bezeugen kann ich es nicht. Von Wissen möchte ich jedoch sprechen, wenn ich sage, dass es in dieser Zeit (vor etwa 2-3 Jahren) unheimlich viele Neuanmeldungen in Pro Ana Foren gab. Fast täglich kamen da manchmal Anfragen von jungen Mädchen, die unbedingt aufgenommen werden wollten, mit solchen Angaben wie „Ich bin seit ca. 4 Monaten magersüchtig, seit 2 Monaten bin ich pro.“ Die meisten Vorstellungen dieser Art wurden schlichtweg abgewiesen. Oder nein, ich habe es eigentlich nie erlebt in den Foren, in denen ich war, dass man jemanden aufnahm, der vorgab, seit 4 Monaten unter einer Essstörung zu leiden, die er nicht mal orthographisch korrekt erfassen konnte… Zudem wurden in dieser Zeit die Forenbetreiber schnell hellhörig, wenn sich Minderjährige vorstellten. Zum einen will niemand Schuld sein am Elend eines „Kindes“, zum anderen hatte man noch nie das Bestreben, sich aktiv und nachhaltig strafbar zu machen.
Die Foren waren seit Anbeginn ihrer Entstehung ein Ort der Kommunikation sozialzensierter Inhalte. Es ging schon immer darum, über Themen zu reden, die man in Gegenwart „Nicht-Essgestörter“ nicht ansprechen konnte. Dass die Kommunikation vor der Hybris des Wunsches nach weniger nicht Halt machen würde, sollte jedem Menschen, der auch nur einen Funken abstrakten Denkens sein eigen nennen kann, klar sein! Was, liebe Lara, wird wohl passieren, wenn man junge Menschen in einem Raum der Anarchie sagen lässt, was sie denken? Sie werden die Wahrheit herauslassen.
Was soll das alles?
Darauf, was Pro Ana Foren mittlerweile wirklich ausmacht, habe ich schon mehrfach hingewiesen. Ich mag mich nicht wiederholen. Deshalb lasse ich diesen Teil nun weg und bitte die Interessierten, die Suchfunktion des Blogs zu nutzen.
Ich wollte es einfach noch einmal gesagt haben.
Pro Ana ist ein Begriff der Medien. Die Foren, die sich früher Pro Ana nannten, sind mittlerweile breitgefächerte Communities, auf die die o.a. Punkte nicht zutreffen. Es geht um Zwischenmenschliches, um Unterstützung und Alltag. Nur! weil es nicht um Therapie geht, weil Heilung nicht das non plus ultra genannt wird, weil man sich nicht zur Einweisung animiert, ist so ein Forum noch lange keine Mördergrube.
Ich bitte darum zu differenzieren und erinnere daran, wie häufig sich die Medien irren. Es kann nicht sein, dass Foren über Essstörungen diffamiert werden, nur weil man einmal ein praktisches Wort dafür gefunden hat, während Kinderschänder und Nazis ihre Parolen in jeden Code setzen dürfen.
Wo leben wir?
Was wollen wir?
Glauben wir oder wissen wir es?
Oder werden wir glaubend statt wissend gemacht?
All die Rezensenten und Kommentatoren von Videos, Artikeln, Blogs… was denken sie, wenn sie anklagen, wo statt Verbrechen nur Missverständnis besteht? Warum machen sie sich überhaupt die Mühe? Weil es andere lesen? Weil es Aufsehen erregt? Weil es böse ist? Was ist böse? Ein Mensch, der keine Moral hat, alldieweil er sie ja nicht haben kann, denn hätte er sie, würde er zunächst differenzieren, und würde er das tun, käme er zu einer Erkenntnis, hätte statt einer Meinung eine Ahnung und würde den Spam der Gesellschaft vorenthalten … ein solcher Mensch kann nicht über Gut und Böse urteilen.