hungry blog – Leben, Alltag und Essstörung aus dem Blickwinkel einer Betroffenen

Ich bin es leid.

Oktober 17, 2009 · 7 Kommentare

„Normalgewicht – so einfach, schön und wundertoll!“

An die Propagandisten solcher Einstellungen…

Dieses Blog ist nun wirklich nicht pro Ana*. Dieses Blog gibt zu, subjektiv zu sein – nein, es macht sich zur Aufgabe, höchst subjektive Empfindungen darzustellen. By the way, das haben Empfindungen so an sich. Ich betreibe hier keine Wissenschaft, ich recherchiere nur in meiner Seele und meinen Erinnerungen. Ich rufe niemanden zum Hungern, Fressen oder Fasten auf. Aber ich weise darauf hin, dass es von allem mehr als eine Seite gibt und dass es das gute Recht der Kranken/“Betroffenen“ ist, eine Lobby zu bilden. Die Alkoholiker meinen, sie könnten kontrolliert trinken, die Depressiven und Schizophrenen versuchen eine Ebene zu finden, auf der sie existieren können. Nur die Magersüchtigen sind die Antichristen, weil sie nicht das non plus ultra Vollremision anstreben?

Aha. Ist ja interessant. Welche Abteilung will die Vollremission? Die Innere Medizin? Die Onkologie? Nein?! Ach, die gemeine Psychiatrie ist es, oh! Welch interessantes Ziel, höchst lobenswert. Und in einigen Fällen v.a. eines: höchst dummdreist. Mit Verlaub, was ein Mensch mit seiner Seele anstellt, ist seine Privatangelegenheit. Und jede Argumentation mit der Totschlagthese zu erwürgen, die Sicht sei gestört, der Mensch verblendet, ist nicht nur primitiv, sondern auch ziemlich oberflächlich.

An dem Punkt, an dem Bewusstsein einsetzt, und das tut es auch bei dem noch so verblendeten Anorektiker für einen gegebenen Wert von Zeit irgendwann, findet hier eine Diskussion statt. Und diesbez. spreche ich vor allem, wenn nicht ausschließlich, von chronisch Kranken. Ich rede nicht von Teenies, die durch eine Diät in den Abgrund der Magersucht abdriften und ihr Leben damit zerstören, unbewusst, unkontrolliert, fatal. Sondern ich rede von Leuten, die Jahre mit ihrer Krankheit verbracht haben, für die es mehr ist als eine Kompensation oder ein Liebesersatz oder ein Aufmerksamkeitsdefizit. Für die es ein Inhalt geworden ist, der emotionale und philosophische Bedeutung hat. Das sind Leute, denen mit der 20. Magensonde auch keiner mehr hilft. Und ehe die Medizin das nicht begriffen hat, wird ihr das Wesen der Magersucht auf diesem Gebiet eben verschlossen bleiben.

Wenn die Magersucht nur eine einfache psychische Krankheit wäre, könnte man sie mit Sicherheit besser behandeln.**

*im Sinne der Anschauung in den Medien, bitte andere Artikel beachten!
**Dies ist natürlich relativ zu sehen – worauf ich anspiele ist die hohe
Todesrate, die sie unter psyhischen Krankheiten zweifelsfrei in eine
Sonderstellung bringt – das muss wohl einen Grund haben…
und dieser Grund ist der massive Krankheitsgewinn.

→ 7 KommentareKategorien: Krankheit · Kritisches · Persönliches
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Kampf um 100 Gramm

Oktober 7, 2009 · 1 Kommentar

Umarmt vom Selbstzweifel, die Neurose ist zurück! Setz dich, liebe Anorexie oder was immer du bist, magst du einen Tee? Bitte bleib doch noch ein bisschen, ich fühle mich so einsam. Mir ist so seltsam… schwarz um die Seele. Oder vor Augen? Kann auch sein. Egal. Hunger ist Trost. Hunger ist Freiheit. Hunger ist die Lösung aller Probleme.

Meine Gedanken. Gut, zugegebenermaßen etwas überspitzt. Aber im Grunde handle ich diesen Gedanken entsprechend, auch wenn ich sie weder laut noch leise denke und es eigentlich statt Gedanken nur hier gemachte Assoziationen sind.

Mein Tag: ich stehe auf, habe Angst steige auf die Waage, ärgere mich, gehe unter die Dusche, ziehe mich an, trinke Tee, esse Essen, finde es zu viel, gehe wohin, {hier bitte beliebige studentische Alltagshandlungen einfügen}, komme heim, lerne, lese, schreibe E-Mails, ziehe mich aus, wiege mich, ärgere mich, gehe schlafen. Und von vorne. Ich hasse es,… ich will es nicht anders, aber ich hasse es jeden Tag aufs neue.

Die Anorexie ist eine Neurose in meinen Augen. Eine blöde, fiese, hinterhältige Neurose und man ärgert sich noch über eine Zahl, weil man seiner eigenen Neurose nicht genügt! Blöde 4, ich will eine 3. Ich bin an einem Punkt, an dem mir wieder so viel egal geworden ist. Was aus meiner Gesundheit wird, was aus der Zukunft wird. Denn alles ist unsicher – oder, wenn es das nicht ist – es fühlt sich so an. Alle denken irgendwas von mir, und sei es auch nett oder freundlich, ich wünsche mir eine Kiste, in die ich hineinpasse und von der ich den Deckel schließen kann. Eine Art roter Schuhkarton. Die Assoziation eines gepolsterten Sarges lässt sich nicht abwenden *schmunzel* aber sie ist nicht ernst, ich bin zu schwer, um zu sterben und auch sonst habe ich es nicht vor.

Wieso ist das nur so pervers? 3 kg weniger und man wird zum Tier. Sich selbst fressend. Ich bin müde… ungemein müde. Und deshalb gehe ich auch gleich schlafen. Denke morgen weiter nach. Bald weniger Zeit, bald viel Papier, viel Lernerei, viel Angst. Die ES macht es nicht leichter. Aber ich möchte nicht wissen, wie es ohne sie ist. Ich möchte nämlich nicht erfahren, wie es ist, wieder mehr zu wiegen. Endlich ein bisschen vorangekommen – in meinen Augen – ein Grund zur Freude, nicht zerstören, nicht nachlässig sein, nicht sich selbst enttäuschen.

Gefühlskoma. Gerade noch rechtzeitig, um nicht unterzugehen. Es ist grotesk. Früher, als ich noch ein fahrlässiger Teenie war, hatte die Essstörung mehr emotionalen, fröhlichen Charakter. „Toll, ich hab’s geschafft“ – „Ich bin stark“ – „Ich bin dünner“ … heute ist es zu viel Gewohnheit und zwang. Aber die Vergangenheit ist ein Album voller unscharfer Fotos… Was soll’s. Was ich wollte, habe ich noch nie so genau gewusst. Kommt Zeit, kommt Veränderung…

Gute Nacht!

→ 1 KommentarKategorien: Gedanken · Persönliches

Top 10 Suchanfragen im August/September

September 21, 2009 · 2 Kommentare

Es ist mal wieder soweit. Die blödesten, seltsamsten oder auch anderswie irritierenden bzw. schon langweilenden Suchen kommen an den Tag, und was mir dazu rein assoziativ in den Sinn kommt… Diese Top 10 sind allerdings nicht nach Gefallen oder sonstwie geordnet…

[1] pro ana thinspiration // ich nehme an, dass die Personen, die diese Anfrage eingeben, überhaupt nicht nach einem Blog wie meinem suchen. Vmtl. suchen sie eins der angeprangerten Teenieblogs, mit vielen Bildern von vielen sehr dünnen Frauen und der am besten umsetzbaren Anleitung zum Erbrechen. Ich hoffe, ihr findet hier trotzdem etwas, das euch interessiert. Wenn nicht, dürft ihr natürlich gerne Vorschläge machen :-)

[2] ana ednos // Hm… ich würde sagen, entscheide dich für eines. Ich würde selbst sagen, dass ich EDNOS habe, früher war ich anorektisch. Wenn ich vergleiche, die Anorexie ist mir wirklich wirklich lieber. Sie ist eindeutig, sie ist nicht so verfressen, sie ist irgendwie eine klare Sache. EDNOS hingegen hat heute dank aufgeschlossener Hausärzte bald jeder Teenager, der einmal eine Diät gemacht hat und nicht 3 Standardmahlzeiten isst, wie sich das für einen ordentlichen Normalo gehört. Also: ist er oder sie ja wohl total gestört, ist doch sonnenklar, oder? Schließlich gibt unser Gesundheitssystem keinen Toleranzbereich vor, in dem man sagen könnte: du hast einfach nur seltsame Essgewohnheiten. Nein, das wäre ja vollkommen vermessen und würde das medienpropagierte Leiden, zu dessen Wahrnehmung wir alle nach 3 Stern-Reportagen nun auch endlich befähigt sind, untergraben. Welch Frevel. In Wirklichkeit sind wir alle essgestört – und für eine anständige, ärzte- und freundeskreisbeständige Diagnose braucht man nun mal einen Namen. EDNOS. Mir kommt’s gerade hoch, ich glaube, ich kriege Bulimie… Irgendwo ist es schon wahr, wie soll man sich auch nennen, wenn man keine Anorexie mehr hat und trotzdem nicht normal essen kann – ich bin dann ehrlich gesagt für nur „Essstörung“ oder „atypische Anorexie“. Könnte man das bitte in den nächsten ICD übernehmen? Das würde nicht so nach „Normalo, der schlecht isst“ klingen…

[3] „ich helfe dir pro ana zu werden“ // Mich würde wirklich interessieren, wo das herkommt, falls es ein Fragment ist aus einer Seite, die da jemand speziell suchte. Ich habe über diese Eingabe als ersten Treffer einen Eintrag namens „Pro Ana Apotheke“ gefunden. Ich distanziere mich wie immer vor dem Gesetz von Inhalten verlinkter Seiten, bitte denkt daran, dass ihr freie Menschen seid und von mir nie und nimmer zu irgendetwas genötigt werdet – klaro? Gut. Hätten wir das geklärt… auf dem Blog da findet man vmtl. all die Tipps, die einem hier abgehen, u.a. auch die dahingestellten 10 Gebote, von denen es unsere Medien so oft haben. Irgendwie fällt mir dazu nicht viel ein. 16 Jahre, fast 10 Jahre jünger als ich… schreibt ihre Gedanken auf und gibt Tipps zum Hungern… Keine, die mir helfen würden, ich weiß ja, wie’s geht… na ja; so richtig werde ich wohl nie verstehen, warum Menschen sich die Mühe machen, solche Seiten zu erstellen…. *gähn*

[4] ana till the end blog // Oah, bitte nicht! Echt, jetzt wird es stillos. „Atte. – Tote Ratte. – Mach dir keine Platte.“ – „Hä? Watte?“ Ana till the End ist so ziemlich das letzte, was diese Welt braucht. Ich sage es noch mal: sich für den Tod nach langer Krankheit zu entscheiden, und das darf auch eine psychische sein, denn niemand – wirklich niemand – hat das Recht, über den Leidensdruck eines Anderen zu urteilen (man hat nur das Recht/die Pflicht, seine etwa „unveränderliche“ Existenz zu überprüfen), ist in meinen Augen legitim. Aber der Tod durch Magersucht hat gefälligst nicht erstrebenswert genannt zu werden! Da ist keine Reinheit und Schönheit in einem widerlichen Krankenbett auf der Intensiv. Da ist kein Ruhm an einer Magensonde und kein Glamour im Herzversagen. Derartiges… Das widert mich einfach nur an.

[5] pro ana tipps zum hungern // Sozusagen ein Klassiker. Man nehme Wasser und Obst und ernähre sich davon, so dass man unter 300 kcal bleibt. Für den Körper ist das praktisch wie Fasten. Man nimmt extrem davon ab und wenn man lange genug durchhält ruiniert man sich auch so richtig den Stoffwechsel. Wer nicht zu den Harten gehört, kann sich auch von 600 kcal am Tag ernähren, dann dauert der Spaß allerdings länger. In jedem Falle gilt, wer danach wieder mehr isst, nimmt zu, genau wie bei jeder anderen Diät auch. Da hilft auch kein Refeed, den kann man zwar prima als Ausrede für FAs benutzen, einen praktischen Effekt hat er aber in 99% der Fälle nicht, denn wenn man 3 Tage 300 kcal isst, wird jeder Körper in den Hungersnot-Modus fallen, ob man’s möchte oder nicht ist dem nämlich egal.

An dieser Stelle mal ein ernst gemeinter Tipp: bevor du versuchst, mit 500 kcal am Tag zu überleben, mach es mal so: Iss 2 Wochen lang jeden Tag 2500 und reduziere dann. Du wirst gesünder abnehmen, mehr essen können und immer noch das Untergewicht deiner Wahl erreichen. Die extreme Reduktion gleich zu Anfang zehrt nur aus und macht müde. Lieber in den sauren Apfel beißen und 1x richtig essen und danach eine sinnvolle Reduktionskost machen. Tausende von Ernährungsberatern und Profis können vollkommen verblödet nicht sein…

[6] hungrigesleben // Hey, da hat sich jemand an mich erinnert :-) Danke und Gruß!

[7] aufmerksamkeits junkies bei magersüchtig // Wie geil ist das denn? Vergesst bitte nicht die SVVler und Bulimiker… alle wollen nur das eine: gesehen werden *lol* Bitte möge mich der Besucher doch darüber aufklären, wonach er wirklich gesucht hat, vielleicht ist es ja gar nicht so grotesk, wie es klingt… Oder warst du etwa der gleiche, der „Schlankheitswahn Frauen Magersucht“ eingegeben hat?

[8] pro ana plan // Viel treffender fänd ich ja „Pro Ana? Kein Plan…“

[9] isabelle caro vor magersucht früher // Ich glaub, so wirklich hübsch sah die noch nie aus… Ich glaube, auf einem der Bilder hier wiegt sie aber mal 2 kg mehr als sonst – viel Spaß beim Raten.

[10] wie lange kann man mit 400 kcal/tag überleben // Nicht lange. Ein halbes Jahr von Normalgewicht aus ungefähr, würde ich sagen. Oben steht, wie man’s richtig macht. Extreme Reduktionsdiäten machen im Ausnahmefall und nur bei Fettsucht einen Sinn.

Ich danke euch wie immer für eure Aufmerksamkeit,
und wünsche euch noch einen schönen Montag :-)

Eure me.

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Pro Ana ist böse. Ein Nachruf für das selbständige Denken.

September 1, 2009 · 11 Kommentare

Bei einem kleinen Streifzug durch youtube.de (wo ich mich neuerdings auch mal angemeldet habe) bin ich erneut über einige interessante Beiträge zu „Pro Ana“ gestoßen. Alle haben den gleichen Grundtenor: es gibt da diese Seiten….

… dort finden sich Magersüchtige zusammen
… geben sich Anleitungen zum Hungern und Kotzen
… stacheln sich zum Abnehmen an
… benehmen sich wie Sektenanhänger
… huldigen der Magersuchtgöttin Ana
… die auch als „Freundin“ bezeichnete, personifizierte Magersucht
… sind minderjährig und verführen andere Minderjährige, sich eine Essstörung zuzulegen
… User, die nicht oft genug online sind, werden bestraft oder ausgeschlossen
… man postet dort Fotos von sich, um den Hungererfolg zu beweisen
… und wer nicht dünn genug ist, wird animiert, was zu tun!

Ich räuspere mich an dieser Stelle.

Gehen wir der Reihe nach vor.
Ja! Es mag solche Foren geben, ganz real wirken sie, böse und übergriffig – und zwar in den feuchten Träumen von Leuten wie Lara Fritzsche oder anderen Reportern (<- Ich verzichte hier auf die Anführungszeiten, ich möchte ja niemanden beleidigen…). Dass es für Lügen in dieser Branche Auszeichnungen gibt, ist ja seit Katharina Blum, also nicht erst seit gestern, bekannt. Welches Ausmaß diese annehmen können, steht auf einem anderen Blatt.

Ganz ehrlich, liebe Frau Fritzsche und Kollegen*…

*(Innen fehlt bei mir aus Prinzip, ich halte nichts von
der Verstümmelung des generischen Maskulinums)

… seit Ihrem Artikel ist ja eine ganze Weile vergangen. Er war sicher damals schon überzogen, wenn auch nicht vollkommen falsch… Ich war in meinem Leben in einer Handvoll Pro Ana Foren, habe viele interessante Menschen kennengelernt, viel diskutiert, reflektiert und nachgedacht. Dummerweise war nie eines der oben beschriebenen Art dabei. Ich weiß ja auch nicht, wie das passieren konnte, wo doch Pro Ana Foren per definitionem der lange Pfad zur Hölle sind. Genauer gesagt erst durch die Hölle und dann in den Tod.

Was ich sagen wollte, verzeihen Sie, dass ich abschweife, es kann schon sein, dass es solche krassen Foren, wie das von Ihnen beschriebene gibt. Nur können es so viele nicht sein, sonst müsste ich wohl schon mindestens mal einem begegnet sein. Begegnet bin ich vielen, schließlich bin ich ein ganz gut informierter Bürger, kann das Internet benutzen, kann auch noch lesen und habe die Zeit, die ich hatte, um mich mit diesem Thema zu befassen benutzt, um tatsächlich zu recherchieren (manche Menschen verwechseln dieses Wort immer mit Überfliegen, aber ich verspreche Ihnen: man kann das lernen!)

Zugetragen wurde mir allerdings, dass es zu Zeiten des „Pro Ana Hypes“ – einer Zeit, in der Pro Ana durch die Medien erst so richtig populär wurde – einige extremere Foren gegeben habe. Bezeugen kann ich es nicht. Von Wissen möchte ich jedoch sprechen, wenn ich sage, dass es in dieser Zeit (vor etwa 2-3 Jahren) unheimlich viele Neuanmeldungen in Pro Ana Foren gab. Fast täglich kamen da manchmal Anfragen von jungen Mädchen, die unbedingt aufgenommen werden wollten, mit solchen Angaben wie „Ich bin seit ca. 4 Monaten magersüchtig, seit 2 Monaten bin ich pro.“ Die meisten Vorstellungen dieser Art wurden schlichtweg abgewiesen. Oder nein, ich habe es eigentlich nie erlebt in den Foren, in denen ich war, dass man jemanden aufnahm, der vorgab, seit 4 Monaten unter einer Essstörung zu leiden, die er nicht mal orthographisch korrekt erfassen konnte… Zudem wurden in dieser Zeit die Forenbetreiber schnell hellhörig, wenn sich Minderjährige vorstellten. Zum einen will niemand Schuld sein am Elend eines „Kindes“, zum anderen hatte man noch nie das Bestreben, sich aktiv und nachhaltig strafbar zu machen.

Die Foren waren seit Anbeginn ihrer Entstehung ein Ort der Kommunikation sozialzensierter Inhalte. Es ging schon immer darum, über Themen zu reden, die man in Gegenwart „Nicht-Essgestörter“ nicht ansprechen konnte. Dass die Kommunikation vor der Hybris des Wunsches nach weniger nicht Halt machen würde, sollte jedem Menschen, der auch nur einen Funken abstrakten Denkens sein eigen nennen kann, klar sein! Was, liebe Lara, wird wohl passieren, wenn man junge Menschen in einem Raum der Anarchie sagen lässt, was sie denken? Sie werden die Wahrheit herauslassen.

Was soll das alles?

Darauf, was Pro Ana Foren mittlerweile wirklich ausmacht, habe ich schon mehrfach hingewiesen. Ich mag mich nicht wiederholen. Deshalb lasse ich diesen Teil nun weg und bitte die Interessierten, die Suchfunktion des Blogs zu nutzen.

Ich wollte es einfach noch einmal gesagt haben.

Pro Ana ist ein Begriff der Medien. Die Foren, die sich früher Pro Ana nannten, sind mittlerweile breitgefächerte Communities, auf die die o.a. Punkte nicht zutreffen. Es geht um Zwischenmenschliches, um Unterstützung und Alltag. Nur! weil es nicht um Therapie geht, weil Heilung nicht das non plus ultra genannt wird, weil man sich nicht zur Einweisung animiert, ist so ein Forum noch lange keine Mördergrube.

Ich bitte darum zu differenzieren und erinnere daran, wie häufig sich die Medien irren. Es kann nicht sein, dass Foren über Essstörungen diffamiert werden, nur weil man einmal ein praktisches Wort dafür gefunden hat, während Kinderschänder und Nazis ihre Parolen in jeden Code setzen dürfen.

Wo leben wir?
Was wollen wir?
Glauben wir oder wissen wir es?
Oder werden wir glaubend statt wissend gemacht?

All die Rezensenten und Kommentatoren von Videos, Artikeln, Blogs… was denken sie, wenn sie anklagen, wo statt Verbrechen nur Missverständnis besteht? Warum machen sie sich überhaupt die Mühe? Weil es andere lesen? Weil es Aufsehen erregt? Weil es böse ist? Was ist böse? Ein Mensch, der keine Moral hat, alldieweil er sie ja nicht haben kann, denn hätte er sie, würde er zunächst differenzieren, und würde er das tun, käme er zu einer Erkenntnis, hätte statt einer Meinung eine Ahnung und würde den Spam der Gesellschaft vorenthalten … ein solcher Mensch kann nicht über Gut und Böse urteilen.

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Zwiespalt des Hungerns

August 30, 2009 · Kommentar schreiben

oder

„Schlafen und Essen“

Ja, es stimmt wohl. Zufriedenstellende Lebensbedingungen und Hungern sind nicht kombinierbar. Vor ein paar Wochen habe ich noch wie ein Stein geschlafen. Mittlerweile habe ich wohl wieder ein bestimmtes Gewicht unterschritten (ich hab keine Waage, aber ich merke es mittlerweile einfach). Das, ab dem alles anstrengender und der Schlaf schlechter wird. Ersteres stört mich nicht so sehr, aber Schlaf ist schon etwas, das ich mit Leistung verbinde, dem einzigen Gut, was ich noch über meine Essstörung stelle. Nun ja, vielleicht auch noch etwas übertrieben, man könnte noch Liebe und Freundschaft hinzunehmen, das sind ja immer diese ideellen Fragen. Ich muss allerdings sagen, dass ich glaube, dass man etwas so fast schon materielles und praktisches wie eine Essstörung wohl eher nicht gegen die Zuwendung eines Menschen aufwiegen kann. Ich glaube sogar, dass selbst der besorgteste Freund, der einem ungemein wichtig ist, nichts ausrichten kann, wenn man so tief in der Störung vergraben ist. Dass man ihn oder sie dennoch liebt, ist kein Widerspruch, wo hätte man mit dem Vergleich schließlich ansetzen sollen? Schön aber auch nicht.

Manchmal denke ich allerdings darüber nach. Ich frage mich, was ich tun würde, würde ich vor so ein Ultimatum gestellt. „Wenn du mich liebst, dann iss.“ Ich habe zwei Beziehungen deshalb beendet. In der ersten z.B. nahm ich von 37 auf 42 kg zu, dem Freund zuliebe. Danach war ich nicht mehr imstande, Gefühle für ihn zu empfinden, denn ich sah dieses Gewicht als etwas, was er mir angetan hatte.

Dann denkt man also darüber nach: was ist das geringste Übel? Obwohl sie lächerlich sind, zwingt man sich zu dieser Art von Entscheidung. Schlafen oder Essen? Ruhe oder Laufen? Magenschmerzen oder schlechtes Gewissen? – Kraft haben oder Dünn sein – Studium oder Magersucht? Und dann ist man wieder da, wo man angefangen hat…

Es gibt einen Punkt in der Schwebe, an dem man noch nicht zu untergewichtig ist, um vollkommen zu versagen, aber auch nicht so dünn wie die Frauen auf den Bildern. Ich glaube, ich komme langsam wieder darüber hinaus, oder darunter, wie man es sehen will. Ich fühle mich nicht gut, ich habe nicht die normale Kraft, aber ich komme zurecht. Was passiert, wenn es noch weniger wird, weiß ich nicht, oder will ich nicht wissen. Ich will leben, ohne jeden Tag in den Spiegel zu sehen und enttäuscht von mir zu sein. Aber enttäuschen kann man sich auf viele Weisen. Wenn die Sucht nach weniger so zerstörerisch wird, dass ich nicht mehr genug lernen kann, werde ich mich dafür genauso hassen wie für eine beliebige Zahl zugenommener Kilogramm.

Man kann es nicht vergleichen. Irgendetwas wird immer passieren. Meine Prioritäten haben sich schon geändert. Früher hätte ich nicht darüber nachgedacht. Früher musste ich auch lernen, habe weitergemacht „bis zum Umfallen“ und es vielleicht teilweise gar nicht bemerkt, in Betäubung durch die Hungereuphorie. Heute ist es eben anders. Ich habe Angst, die ich als Jugendliche nicht hatte. Ich will etwas, das mir wichtig ist, nicht aufgeben für eine Krankheit. Aber leider ist die mir oft selbst viel zu wichtig.

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Ungestört mit der Störung

August 29, 2009 · Kommentar schreiben

Ich wohne allein. Als ich vor einigen Jahren von zu Hause ausgezogen bin, wog ich 42 kg. Das erste, was ich tat, war all die Lebensmittel zu kaufen, die es bei meinen Eltern nicht gab. Schon ein halbes Jahr vor dem Umzug hatte ich alle möglichen Sachen gekauft, mit Vorfreude auf die „baldige“ Selbstbestimmung, und sie in einen eigenen Bereich des Kühlschranks gestellt: „Magerine“ – ich frage mich bis heute, warum Margarine nicht so heißt ;-) … und Diätmarmelade. 0,3%ige Milch, Tütensuppen in allen Variationen und Reiscracker.

Ich hatte meine erste eigene Wohnung. Eigenen Kühlschrank. Eigenes Essen. Trotzdem war ich nicht wirklich frei. Brauchte für einen Einkauf zwei Stunden. Ich nahm immer den Korb, da es schließlich Kalorien verbraucht, ihn zu tragen, und nicht den Wagen. Zwischen den Regalen blieb ich stehen und starrte die Dosen an. Manche Lebensmittel durften sofort mitgenommen werden, weil ich den Gehalt kannte, andere mussten erst überprüft werden. Ich mache es heute auch meistens noch so, dass ich mir viele Lebensmittel nur ansehe. Ich denke darüber nach, wie sie schmecken und versuche mich an die sachliche Bilanz zu erinnern, die ich nach jedem Essen aufstelle: hat es bis zum letzten Bissen geschmeckt oder war es Verschwendung und vollkommen überflüssig, da nicht mal ein brauchbarer Genuss? Meistens ist das der Fall, weshalb meine Liste auch nicht lang ist.

Eine Zeit lang aß ich fast nichts. 1-2 Mahlzeiten am Tag. Es hörte auf, als sich meine Arbeitszeiten änderten, alles wurde anstrengender, mir war permanent übel, die eigene Schwäche kann ungemein widerlich sein, oder auch erschreckend. Ich unterzuckere blöderweise extrem, komme auf Werte von 48 mg/dl und merke es nicht. Aber nach einer Stunde mit einem solchen Wert, der nach 5 vorangegangenen nüchternen Stunden eben hervorgeht, gehen die Lichter plötzlich doch mitunter ganz schnell aus und man möchte irgendetwas Kohlenhydratiges in sich hineistopfen, oder wenigstens, dass die Übelkeit aufhört. Ich habe mich nie daran gewöhnt. Ich habe 3 oder 4 Tage nicht gegessen, es hat nie funktioniert. Sobald körperliche Leistung erforderlich war, hat mein Stoffwechsel mir den Dicken gezeigt.

Eines kalten Oktobermorgens bin ich aufgewacht und fror. Bis ich merkte, dass es kein Frieren war. Nachmessen, erschrecken. Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich vor mir selbst fürchtete. Ich mag den Wert nicht schreiben, aber er war sehr niedrig. Fühlte mich ziemlich benommen und musste bestimmt eine viertel Stunde überlegen, ob ich mich denn nun zum Kühlschrank bequemen wollte oder ob das alles Quatsch sei und das Pankreas schon seinen Teil zu meinem Wohlbefinden leisten würde… Ich stand dann auf, weil mir nicht wohliger wurde… In meinem Kühlschrank gab es Äpfel, Coke light und Dextro Energen. Ich nahm einen Apfel.  Als das Zittern aufhörte, dachte ich darüber nach, wie ich ab jetzt einschlafen sollte, mit dem Gedanken, dass ich einmal wieder in einen solchen Zustand komme und es mir dann vielleicht einfach egal ist. Vielleicht bleibe ich dann liegen. Zur Erklärung: ich habe immer an meinem Leben gehangen. Zwar bin ich manchmal seiner müde, aber nicht aus Unwillen, etwas Schönes daraus zu machen. Vielleicht aus Frucht vor Erwartungen. Meinen und denen der Welt.

Wie auch immer. Es kam eine Zeit mit viel viel Hunger, immerzu. Meine Hauptbeschäftigung war Methoden zu finden, mit denen ich mich vom Hunger ablenken konnte. On diet forever. Ich weiß nicht, wie lange das so ging, vielleicht ein halbes Jahr oder länger, dann kam eine Zeit, in der ich mir all die Dinge kaufte, die ich mir vorher nie erlaubt hatte. Ich denke, ein wenig wollte ich zunehmen um all die Kommentare vom Hals zu haben, ein wenig wollte ich all diesen Kram in mich hineinstopfen, oder jedenfalls den Geschmack davon haben. Es machte dicker, und auch nicht glücklich, aber es hielt auch ein paar Wochen an.

Solche Phasen kamen immer wieder. Jetzt esse ich gerade weniger, wünsche mir, dass es immer so bleibt, und zweifle doch jeden Tag. Dann mache ich die Augen zu. Seit 5 Jahren bin ich in meinem Alltag ganz allein mit dem Essen. Es ist meine Entscheidung, wieviel und was und wann. Aber sie ist dadurch nicht einfacher. Sie will immer wieder getroffen werden. Bei jeder Kleinigkeit muss nach scheinbar sachlichen Kriterien entschieden werden, ob es gerechtfertigt ist, dies oder das zu essen. So ist es immer noch. In den letzten Monaten gab es nur eine einzige wesentliche Veränderung. Ich glaube, die ist gut so: Ich habe in der Klinik, in der ich war, ein Mädchen getroffen. Sie hatte Anorexie, sie war viel dünner als ich und wollte nie alleine essen. Sie orientierte sich einfach an den anderen, mit dem Ziel, normale Portionen zu essen. Dadurch, dass ich dort nie alleine essen konnte, habe ich auch irgendwann gemerkt, dass das besser ist. Zwar kann ich keine normale Portion essen, ich bekomm dann abgesehen vom schlechten Gewissen einfach Bauchschmerzen…, aber ich merke, dass ich mir eher Essen zugestehen kann, das eigentlich den Stempel „verboten“ trögt, wenn jemand mit mir isst. Gar nicht so unangenehm, wie ich mir lange Zeit gesagt habe. Irgendwie ist es mittlerweile in dem Moment okay. Kann das dann essen, tu es auch und bin danach nicht deprimiert. Zugeben muss ich allerdings auch, dass es, wenn ich mit jemandem essen gehe, auch meistens für den Tag bei dieser Mahlzeit bleibt. Lieber ein schönes Essen, als viele öde.

Und die Moral?
Manche Dinge ändern sich nie. Andere gehen einem später auf. Manchmal ist etwas Kleines sehr nützlich. Hinter dem Schatten ist auch Boden, auf den man die Füße setzen kann. Aber springen kann man nur allein.

Ungestört.

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Äußere Einflüsse

August 11, 2009 · 3 Kommentare

Vor ein paar Tagen bin ich über eine Studie gestolpert, in der es um Einflussgrößen auf das menschliche Abnehmverhalten ging. Es ging genauer gesagt darum, dass das Abnehmen leichter fiele, sobald man eine Kontrolle von außen habe (die Waage) und die Effektivität einer Diät im Endeffekt von der „Beeinflussbarkeit durch äußere Faktoren“ abhängig sei.

Was will das sagen?

Also. Wenn jemand leicht zu beeinflussen ist, müsste er nach dieser Theorie ebenso leicht abnehmen wie zunehmen, man stelle sich z.B. vor, dass die beste Freundin etwas über die mollige Figur sagt und man anfängt zu hungern, oder aber man im Fernsehen Spaghetti sieht und eine Fressattacke erleidet. So in etwa stelle ich mir das jedenfalls vor. Wohingegen die „gefestigten Persönlichkeiten“, die sich weder von Waage, noch von Menschen oder dem Anblick leckeren Essens aus der Ruhe bringen lassen – und die es meiner Meinung nach nicht gibt – nur einen Grund brauchen, der gut genug ist, um dann von alleine durchzuhalten.

Kann das sein?

Egal. Ich dachte dabei unweigerlich an mein Hungerverhalten, anorektischen Alltag und die mehr oder weniger vorhandene Konsequenz in diesem Handeln. Esse ich den verfluchten Magerjoghurt oder lasse ich es sein?

Wenn ich auf die Waage steige, geht es mir danach meistens nicht besser. Gar nicht besser. Habe ich zugenommen, ist der Tag gelaufen. Ist es gleich geblieben, bin ich mir sicher, morgen dafür zuzunehmen. Und wenn es weniger ist, habe ich den ganzen Tag über Panik, dass ich mich zu sehr „vollfresse“. Ich bin also der Klassiker – armer Junkie. Abhängig von äußeren Faktoren wie meiner Waage. Jahrelang hat sie mein Leben bestimmt.

Ein anderes gutes Beispiel ist meiner Meinung nach die Kleidung. Hier kommen wir zum Pro Ana Stuff: ich habe in einer dieser Tipps&Tricks-Sammlungen für angehende Hungerkünstler vor geraumer Zeit einmal den Hinweis gefunden, enge Kleidung zu tragen. Diese würde einen quasi ermahnen, sobald man zu viel gegessen habe. (Lassen wir außen vor, dass mir die meisten meiner Hosen mittlerweile zu weit sind, stellen wir uns vor, ich hätte eine Skinny Jeans) … Die enge Klamotte spannt also und man lässt das Essen – vorausgesetzt, man ist ein Äußere-Faktoren-Junkie. Ist man das nicht, muss man sich von innen heraus zügeln oder wird gar nicht erst irritiert. So weit die Theorie… Ich persönlich neige ja zu Fressattacken, wenn mir die Kleidung eng vorkommt, als Strafe für die Hässlichkeit, die ich mir dann ohne viel Zögern in direkter Relation zugestehe.

Die logische Schlussfolgerung:

Was sagen uns diese Überlegungen? Es sei nicht geklärt, ob Anorektiker leichter zu beeinflussen sind als andere Menschen; ich denke, dass sie oft Perfektionisten sind und damit in vielerlei Hinsicht empfindsamer. Also sehen sie vielleicht Dinge, die Anderen nicht auffallen und wenn sie „beeinflussbar“ sind, so könnte es da ein größeres Spektrum an Einlussgrößen geben, aber das sei – wie gesagt – dahingestellt.
Wenn so eine „Beeinflussbarkeit“ da ist, kann man sie für sich nutzen (wenn man abnehmen will), und zwar, indem man sich gezielt triggert - was, wie ich glaube, nicht wenige tun. Diese Empfindsamkeit kann sich aber genausogut gegen einen kehren, kann Verletzlichkeit und den seelischen Einbruch bedeuten.

Über das Für und Wider von Triggern lässt sich streiten. Ich glaube, dass Trigger eine Form der Motivation ist und man diese Selbstmotivation nicht so einfach unterbinden kann, sobald man sie einmal entdeckt hat und den Willen entwickelt, seine Störung zu erweitern. Dann wird man das einfach tun, und wenn es unbewusst ist. Aber das interessiert mich nicht so sehr. Wichtiger war es mir, zu sagen, dass ich es gut fände, wenn man sich dessen bewusst wird. Ob man sich leicht beeinflussen lässt oder nicht – und das ist ja nicht unbedingt etwas Manipulatives. Beeinflussen klingt immer so nach Ferngesteuert werden. Das meine ich aber nicht. Es ist eher diese Empfindsamkeit, welche ich für die Ursache solcher Phämomene halte. Das ist an sich nichts Negatives. Schlecht wird es nur, wenn man sich selbst vergisst.

Könnte man nicht empfindsam sein für tolle Dinge?
Nicht die Waage, sondern das schöne Wetter. *klick* Gute Laune!
Nicht die zu enge Hose, sondern die 1 in Mathe. *klick* Welt super!

Oder wie heißt es so schön:
„Das Leben ist furchtbar… – Oh, Kuchen!“

→ 3 KommentareKategorien: Essen · Krankheit
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Manchmal geht alles unter

August 4, 2009 · Kommentar schreiben

Wenig essen, weniger, Gewohnheit. Nach ein paar Jahren mehr Alltag als Angewohnheit. Unkaputtbare Kaputtheit sozusagen, ein bleibender Schaden. Ich lebe so in meinen Tag hinein, esse mehr oder weniger und harre der Dinge, die da kommen. Dann kommt das Wintersemester und schiebt den Gedanken einen Riegel vor. Es ist jedesmal aufs Neue erschreckend, welchen Einfluss diese kleine Veränderung für mich hat. Ich wache morgens auf und die Zahl auf der Waage ist mir egal. Ganz egal. Ich verschwende keine Zeit und greife zum nächsten Buch. Essen kann ich trotzdem nicht. Es geht entweder vollkommen unter oder der Nachschub an Nahrung für die Arbeit mit den grauen Zellen kommt schlagartig. Richtigen Hunger habe ich immer noch nicht, ich kann mich nur schlechter konzentrieren. Der Rest basiert auf Logik, nicht auf Einsicht. Ich muss etwas essen, sonst … kippe ich um, lasse nach, mache schlapp,… was auch immer. Es wird gegessen und weitergemacht. Ein bisschen Routine, ein bisschen Überwindung. Weniger aber als an all den anderen Sommertagen, die dem nahenden Stress vorangegangen sind. Ich stopfe etwas Essen in mich hinein und denke nicht weiter darüber nach. Die Verdrängung funktioniert wirklich effektiv. Ich verschwende keinen unnötigen Gedanken daran… eigentlich das, was ich mich in der freien Zeit immer wünsche, worüber ich mir stundenlang den Kopf zerbreche: Warum kann das Essen für mich nicht Nebensache sein? Aber auf diese Art und Weise wird es zum Hauptproblem.

Jetzt sitze ich da und schreibe darüber, aber eigentlich will ich nicht wirklich daran denken. Das schlechte Gewissen kommt nur nachts und erinnert mich an meinen Mageninhalt oder die vielen Stunden, die ich gesessen und gelesen habe, statt mich selbst manisch durch die Stadt zu jagen. Aber selbst das kann ich abschütteln und mir sagen, dass ich schließlich schlafen muss, weil morgen wieder ein langer Tag wird.

Die Frage bleibt. Warum geht es nicht einfach so? Wenn man grad will. Wenn es grade hilfreich wäre. Wenn ein Freund einem die Hälfte seiner belegten Brote anbietet – mit den eigenen Lieblingsspeisen belegte Brote auch noch! Abartig. Dann kommt die innere Stimme und schüttet wüste Beschimpfungen über mich aus.

Egal.
Alles ein bisschen egal.
Nicht nachdenken ist auch eine Möglichkeit, sich zu entscheiden.
Vielleicht ist es sogar keine schlechte Entscheidung.
Ich habe jetzt schon seit fast zwei Monaten keine Waage mehr. Es geht mir nicht schlechter dadurch. Erschreckenderweise habe ich, wenn ich Freunde besuche, immer noch Recht, wenn ich wie gewohnt vor dem Wiegen schätze. Aber da ist auch ein neues, gutes Gefühl. Ich kann erahnen, was ich brauche und was nicht. Natürlich nicht, um Normalgewicht zu halten. Das ist mir immer noch zutiefst zuwider. Der Gedanke daran führt schon zu inneren Bestrafungszeremonien und Hasstiraden gegen das schwache Ich. Aber es ist nicht – und ich meine nicht im Geringsten – so schwer, wie ich gedacht hatte, ohne Waage zu leben und ohne Waage zu regulieren, was man täglich zu sich nimmt und wieviel. Ich bin mir sicher, dass ich keine Ahnung habe, was eine normale Portion ist. Ich weiß auch, dass ich die in der nächsten Zeit nicht erreichen werde, vermutlich nie. Aber es tut gut zu wissen, dass man nicht vollkommen orientierungslos wird, nur weil man sein Messinstrument aufgegeben hat.

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Magersüchtig, lebensmüde?

Juli 16, 2009 · 2 Kommentare

Selbstmord auf Raten, Schlankheitswahn, lebensmüde? Klischeeworte, die gut beschreiben, was manche über Betroffene von Essstörungen denken. Dass die nicht mehr leben wollen, kommt ja auch vor. – Da stellt sich dann mitunter auch die Frage: kann und will man nicht mehr, weil man so schwach ist, alles, einfach alles zu viel wird – oder ist der Wunsch zu verschwinden dem Sterbewunsch nicht unähnlich und damit die Ursache der Störung?

Ich hatte oft den Wunsch, ganz klein zu sein. Winzig, unsichtbar. Ich wollte mich weghungern. Oder ich empfand mich als so unansehnlich, dass ich mir wünschte, schmaler zu sein, so weniger aufzufallen. Aber wollte ich nicht mehr leben? Ich glaube mittlerweile, dass dieser Verschwindewunsch nicht  das gleiche ist, wie sterben zu wollen. Mit der Zeit erlebt man, wie es ist, mit der Essstörung zu leben, lange damit „auszukommen“. Man spart immer mehr ein am eigenen Alltag. Man beschneidet die Freude, die Freiheit, das Sozialleben. Manchmal ist man furchtbar einsam. In sich selbst eingesperrt. Es ist tatsächlich so, als würde man langsam aber sicher vom Leben Abschied nehmen. Jeden Tag gibt man ein Stückchen ab. Und irgendwo ist man sich dennoch sicher, lebendig zu sein, oder zumindest zu wissen, wie „Leben“ geht. Man tut es eben nur nicht. Genauso wie man einen Joghurt isst, als wäre es ein echtes Mittagessen. So wird man immer weniger.

Insofern ist die Magersucht eine Einbahnstraße. Für den Außenstehenden klingt das nach einer abschüssigen Bahn in Richtung Friedhof. Wenn du immer weniger wirst, wirst du irgendwann nichts sein. Und leider haben sie oft Recht mit dieser Vermutung. Magersucht ist ganz oben unter den psychischen Erkrankungen mit Todesfolge. Also: Was unterscheidet sie dann vom Suizid?

Verhungern dauert lange.
Und Verhungern bedeutet in diesem Fall nicht, sich vorzunehmen zu sterben! Eine Essstörung entsteht irgendwann – und kann zum Tod führen. Aber sie entsteht nicht unbedingt unter der Prämisse, das Leben zu beenden. Wie andere psychische Krankheiten sind die Ursachen ungemein vielfältig. Ich will gar nicht weiter darauf eingehen, denn es würde ein Buch füllen, nicht eine Blogseite. Was ich sagen will ist, dass man eine Magersucht entwickelt und diese das Leben verändert. Den Blick, die Handlungsfähigkeit, die Einsicht. Man findet sich fett obwohl man den Oberarm mit Daumen und Zeigefinger locker umfassen kann. Man wird des Lebens müder mit jedem der unzähligen viel zu anstrengenden Schritte, zu denen man sich zwingen muss. Man lebt kaum noch, wenn man bemerkt, dass man diesen Zustand nicht mehr schön finden kann.

Warum sage ich das?

Ich habe diese Wörter, mit denen der Artikel beginnt, ziemlich oft gehört. Den Vergleich mit dem Selbstmord. Und das macht mich zum Teil wütend, zum Teil traurig. Es gibt Magersüchtige, die mit ihrer Krankheit leben, es gibt welche, die dagegen kämpfen oder einfach einen ganz eigenen Weg gefunden haben, damit umzugehen. Sie alle über einen Kamm zu scheren ist nicht fair. Das Paradoxon der Anorexie besteht schließlich darin, dass man aktiv ist, dass man extrem lebt und nie zur Ruhe kommt – und gleichzeitig ist es wie ein Tanz in den Tod.

Nicht einfach.
Nicht einfach nur „lebensmüde“.

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Erholung des Stoffwechsels nach langer Hungerphase

Juli 16, 2009 · 1 Kommentar

So lange nichts gegessen. Gehungert, gequält, immer weiter reduziert… Jetzt ist sie übergroß, die Angst zuzunehmen. Aber man müsste mehr essen. Man müsste essen können. Den Stoffwechsel reanimieren.
Ist das möglich? Und wenn ja, wie?

Warum Hungern nichts bringt

Hungern heißt für mich, unter 900 kcal zu essen. Meistens habe ich unter 600 zu mir genommen, aber eigentlich ist auch unter 1500 schon Hungern für den menschlichen Körper (normal große Frau, > 160 cm, ca. 50 kg). In Kliniken heißen 1200 kcal „Reduktionsdiät“. Dort werden selbst Übergewichtige nicht auf 500 kcal/Tag gesetzt, denn das führt nur zu folgenden Reaktionen:

  • der Körper schaltet auf den Modus „Hungersnot“ und damit auf Sparflamme, der Energiehaushalt der Körperfunktionen wird quasi eingeschränkt
  • der Grundumsatz (grob: 24 x Körpergewicht in kg) wird also reduziert
  • man nimmt erst schnell ab (2 kg Wasser, denn bei der Umwandlung von Glycogen – der Speicherform von Kohlenhydraten – in Glucose scheidet der Körper Wasser ab) und dann kaum noch
  • überschüssige Kalorien werden in Fett umgewandelt
  • bei zusätzlicher Belastung (z.B. Sport) baut der Körper in gleichen Teilen Fett und Muskelgewebe ab

Das bekannte Resultat davon heißt Jojo-Effekt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch die sog. „Set-Point-Theorie“.

Hungern heißt also zu wenig zu essen. Auf Dauer führt das zum Abnehmerfolg, ob nun gesund oder nicht. Die Energie von außen fehlt, also isst der Körper sich selbst auf.

On diet forever?

Aus Angst, nach einer extremen Reduktionsdiät (alias Magersucht), schnell wieder zuzunehmen, bleibt es bei vielen Essgestörten auf Dauer an der Tagesordnung, unter 800 oder weniger kcal zu essen. Die Angst ist im Allgemeinen erst einmal berechtigt. Denn wenn man wieder mehr isst, nimmt man zu. Und zwar vor allem Fettgewebe.

Trotzdem wäre es sinnvoll, den Stoffwechsel zu aktiv zu rehabilitieren. Und zwar nicht durch sog. „Refeeds“ (Aufbautage inmitten einer Hungerphase), sondern durch Kostaufbau. Ich weise an dieser Stelle übrigens darauf hin, dass dies meine persönliche Theorie ist. Ich habe sie an mir selbst ausprobiert und mit einigen Menschen diskutiert, die ähnliche Erfahrung gemacht haben. Sie ist natürlich nicht wissenschaftlich fundiert!

Wie funktioniert das?

Um eine Regeneration des Stoffwechsels zu erreichen, muss man im Prinzip „einfach nur essen“. Man nimmt ca. 2500 kcal zu sich. Das muss nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. Diese 2500 kcal führen noch nicht dazu, dass der geschwächte Körper rapide zunimmt. Vielleicht kommt es einem so vor, aber im Prinzip erreicht man so mit normaler Bewegung in einer Woche vielleicht 500g Zunahme. Der Körper verbrät die Kalorien nämlich zunächst einmal für die Aufbesserung des Blutbildes. Man könnte auf diese Weise ca. 4 Wochen lang „normal“ essen. Es sollte aber auch tatsächlich gesunde Nahrung sein, ein paar Vitamine schaden nie. Sport und Bewegung muss nicht ausgeschlossen werden, sollte aber nicht mehr als zuvor sein.

Nach 4 Wochen ist der Stoffwechsel weitgehend erholt. Man erkennt das z.B. an einem Zuwachs an Kondition, regelmäßigem Stuhlgang und Hungergefühl.

Wenn diese Zeit vorbei ist, hat man vielleicht 2-4 kg zugenommen. Ich weiß, dass das hart klingt, ich würde es selbst nicht wollen, mich dagegen sträuben, aber es bringt nichts, sich dauerhaft Nahrung vorzuenthalten, die man braucht, um die 30 zu erreichen. Und v.a. wenn es auch mit mehr kcal geht. Das ist eine Kopfsache. Man muss es wollen, sonst wird es nie funktionieren und man wird immer wieder auf unter 500 oder werweißwiewenig verfallen.

Nach dieser Zeit kann man die Kost wieder reduzieren. Jedoch nicht auf 500 oder ähnliches, sondern langsam, auf 2400, 2300, 2000 usw. Man muss ausloten, wie viel genügt, um abzunehmen. Und es ist erstaunlich viel, das man sich plötzlich erlauben kann! Vielleicht kann man auch etwas mehr Bewegung nutzen, um sich Sicherheit zu verschaffen, aber das muss auch nicht unbedingt sein. In jedem Fall hat man nach dieser „Fresskur“ den Umsatz wieder gesteigert und wenn man nicht den Fehler macht, sofort wieder mit dem Hungern anzufangen, kann man u.U. etwas schaffen, das viele Esssgestörte nie erreichen werden: eine Ernährungsumstellung.

Ich möchte zum Abschluss noch darauf hinweisen, dass dies hier keine Diät-Anleitung ist und auch keine Einladung zur Magersucht. Ich möchte lediglich meine Erfahrung mit anderen Esssgestörten teilen, vielleicht hilft es dem ein oder anderen Menschen. Ich fand den Effekt selbst sehr überraschend, ich habe das über mehrere Wochen gemacht und seitdem kann ich 1500 kcal essen und nehme dennoch weiter ab. Mein BMI ist ca. 16,5 zur Zeit. Ich bin mir sicher, dass einige das für nicht besonders wenig halten. Über mein „Ziel“ möchte ich aber hier keine ausführlichen Aussagen machen, ich denke, das ist so öffentlich nicht sinnvoll. Wer noch Fragen zu dem Thema hat oder wen andere Dinge in Bezug auf solche Themen interessieren, der kann mir gerne schreiben. Ich bin auch bereit, auf Wunschthemen einzugehen, sofern ich Material vorliegen habe!

Liebe Grüße und ein besseres Leben wünscht euch eure „me“

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